Advent in der Klinik: Wie Seelsorgerin Caroline Schnabel Menschen in Krisen begleiten
In Krankenhäusern wird Advent und Weihnachtsfest ganz anders erlebt als Zuhause. Michael Scheppe von „Erststimme“, dem Podcast der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., hat mit den Seelsorgerinnen der Uniklinik Köln, Pfarrerin Caroline Schnabel von der Evangelischen Kirche und Pastoralreferentin Stefanie Bartsch von der Katholischen Kirche, gesprochen. Wie begleiten sie Menschen in schweren Zeiten? Was bedeutet Weihnachten in der Klinik für Patienten und Angehörige? Und wie kann ihnen Zuversicht gespendet werden?
Im Advent verändert sich die Atmosphäre in der Klinik. Pfarrerin Caroline Schnabel erzählt, „dass man in der Advents- und Weihnachtszeit beobachten kann, dass sich die Stationen viel Mühe geben, das Besondere dieser Zeit sichtbar zu machen. Da sind dann auf einer Station alle Türen der Patientenzimmer weihnachtlich oder adventlich geschmückt, Angehörige bringen Weihnachtsschmuck mit und dekorieren die Zimmer.“ Sie erinnert sich an einen Patienten, der einen kleinen Weihnachtsbaum in seinem Zimmer auf der Palliativstation hatte: „Da merkt man, es soll etwas von der Atmosphäre hier in die Klinik gebracht werden, auch wenn dadurch, dass man in der Klinik ist, alles so anders ist als sonst und als man es vielleicht gerne hätte.“
Kann es wirklich besinnlich sein im Krankenhaus? Caroline Schnabel sagt: „Es ist natürlich ein Betrieb, der manchmal von Hektik und von straffen Zeitplänen geprägt ist und das ist in der Advents- und Weihnachtszeit nicht anders als sonst auch, weil bestimmte Dinge hier einfach getan werden müssen und manchmal auch schnell und unter Druck. Trotzdem würde ich sagen, es gibt immer wieder besinnliche Momente, weil es für die Menschen, die hier arbeiten, ja auch eine besondere Zeit ist.“
„Wenn jemand an Weihnachten verstirbt, dann wird jedes zukünftige Weihnachtsfest davon geprägt sein“
Sie geben sich jedes Jahr viel Mühe, eine Weihnachtskarte zu gestalten, die an Heiligabend oder in den Weihnachtstagen an alle Patienten ausgeteilt wird. „Wir bringen sie außerdem persönlich an viele Stellen, mit denen wir zu tun haben. Ein Beispiel ist die Zentralpforte der Uniklinik, die unsere Rufbereitschaft verwaltet. Das ist eine Gelegenheit, noch einmal Kontakt herzustellen mit den vielen, vielen Stellen, mit denen wir über das Jahr so zu tun haben. In der Weihnachtskarte steht dann natürlich auch inhaltlich etwas, was wir als Weihnachtsbotschaft in diesem Jahr gerne in die Klinik tragen wollten.“ Auch die Veranstaltungen sind besonders: „Es gibt zu bestimmten Zeitpunkten Andachten, die wir feiern, oder auch besondere Gottesdienste, die gefeiert werden.“
Macht es einen Unterschied mit der Trauer, wenn ein Mensch an einem besonderen Tag wie Weihnachten stirbt? Caroline Schnabel sagt im Podcast: „Ja, ich glaube, es macht einen Unterschied, vor allem für die Zukunft. Wenn jemand ausgerechnet an Weihnachten oder an einem anderen besonderen Tag im Jahr verstirbt, dann wird jedes zukünftige Weihnachtsfest natürlich von der Erinnerung an diesen Tod geprägt sein. Das macht das Ereignis an sich nicht schlimmer oder weniger schlimm, aber es prägt das Leben vielleicht auf eine andere Weise – etwa dann, wenn es bedeutet: Ich werde auch in Zukunft an Heiligabend immer daran denken, dass an diesem Tag die Person gestorben ist, die mir wichtig war.“
„Das aushalten, was da ist, und nicht sofort etwas ändern zu wollen“
Wie spendet sie Trost an die Angehörigen? „Da fällt mir ein Satz ein, den unser Kollege mal gesagt hat. Er hat es ungefähr so formuliert: Trost kann dann entstehen, wenn man nicht unbedingt den Trost ansteuert, sondern den Kummer. Und er meinte damit, dem Kummer Raum zu geben – oder dem Leid und den Fragen und der Hilflosigkeit und der Trauer oder der Wut, all den schweren Gefühlen, die so auftreten können –, ihnen Raum zu geben, sie sein zu lassen, sie mit auszuhalten und darüber ins Gespräch zu kommen. Und sie nicht kleinzureden oder zu sagen: ,Sei doch dankbar für irgendwas‘ oder so, sondern erst einmal einfach alles da sein zu lassen, so wie es ist. Dann kann das etwas Tröstliches haben.“ Sie erklärt: „Das ist die eine Aufgabe, die wir haben: das auszuhalten, was da ist, und nicht sofort etwas ändern zu wollen oder schnell irgendwelche Lösungen herbeizuschaffen. Das ist nicht unsere Rolle, würde ich sagen. Unsere Rolle ist es vielmehr, bei dem Menschen zu sein, in Kontakt miteinander zu sein, unser Gegenüber ernst zu nehmen, interessiert und offen nachzufragen, da zu sein und mit auszuhalten – alles das mit auszuhalten, was eben da ist.“ Sie fügt hinzu: „Und darüber hinaus würde ich sagen, ist es in dem Gespräch dann auch unsere Rolle, vielleicht eine neue Perspektive zu eröffnen oder eine andere Sichtweise anzubieten, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten – als Angebot. Ob das Gegenüber das dann annimmt oder nicht, das liegt nicht in unserer Hand. Denn ich würde sagen: Das eine ist das Mit-Aushalten, und das andere ist dann eben, im Gespräch möglicherweise noch einmal gemeinsam eine andere Sichtweise zu entwickeln.“
Die Menschen, die im Krankenhaus sind, befänden sich mehrheitlich in einer Krisensituation, weil ein Klinikaufenthalt immer auch Krise bedeute. Caroline Schnabel hat den Eindruck: „Es gibt bei vielen Menschen einen Bedarf – unabhängig davon, welcher Religion oder Weltanschauung sie angehören –, ein Gegenüber zu haben, mit dem sie sprechen können, ein Gegenüber, das zuhört und vielleicht mitsortiert oder mit aushält, all das. Dabei spielt die religiöse Zugehörigkeit nicht in erster Linie eine Rolle.“ Ihr Verständnis von Spiritualität ist ein sehr weites. „Wir verstehen es im Sinne von Spiritual Care.“ Spiritual Care bedeute Sorge um die spirituelle Dimension des Menschen. „Das heißt, wir gehen davon aus, dass jeder Mensch eine Spiritualität hat. Und wir meinen damit etwas, das dem Menschen Sinn und Halt gibt, auch dann, wenn alles andere irgendwie haltlos ist. Das kann etwas explizit Religiöses sein, eine christliche Glaubensüberzeugung, aber es können auch andere Dinge sein – etwa die Familie, das Freiheitsgefühl beim Segeln oder das Wandern und das Ankommen oben auf dem Berg, dieses Gefühl, wenn man auf die anderen Berge schaut. Darüber kommen wir mit den Menschen ins Gespräch. Und dafür sind wir zuständig: für alle Fragen nach Sinn und Halt, nach der Frage, was uns eigentlich im Leben trägt – unabhängig von religiöser oder weltanschaulicher Zugehörigkeit, wohl aber von unserem christlichen Standpunkt aus, den wir dort zur Verfügung stellen, wo es angemessen erscheint.“
„Ich glaube, manchmal ist schwach sein auch in Ordnung“
Text: APK
Foto(s): APK/MedizinFoto Köln
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