Verwaltungsgebäude, Andreaskirchplatz 1 in Brühl-Vochem 02232/15101-0

Seitenansicht des Verwaltungsgebäudes in Brühl-Vochem, Andreaskirchplatz

Dienstag, 4. Oktober 2011, Partnerschaftsbesuch auf Sumatra

(von Pfr. Stefan Jansen-Haß, Brühl;  Fotos von S. J-H. und Reinhard Radloff; Zur Vergößerung der Bilder: Bitte auf diese klicken! )

DSC05964Nelson erscheint wieder mit Dienstwagen und in Uniform. Heute hat er aber seine Kinder wohl schon vor dem Dienst zur Schule gefahren, denn wir starten sofort nach Pearaja. Das Gästehaus der Landeskirche ist verwaist. Nur wir sind noch da und besetzen den einzigen zum Frühstück gedeckten Tisch. So schmeckt also Mango wirklich ... Die anderen Delegationen sind entweder nach Hause gereist oder haben andere Ziele auf Sumatra angefahren. Maida erwartet uns. Sie wird uns heute wieder den ganzen Tag lang begleiten. Einige Minuten später trifft auch Pahala ein, der uns nur um wenige Minuten verpasst haben kann, als auch er uns in der Unterkunft abholen wollte. Wie gesagt: Unsere Gastgeber vom Partnerschaftsausschuss Silindung geben sich alle Mühe.

Die Diakonisse Maida Siagian wohnt nicht auf dem Kirchencampus in Pearaja. Sie hat eine eigene Wohnung in der Stadt Tarutung und lebt allein. Sieben Minuten braucht sie zu Fuss, um ihr Büro bei der Landeskirche zu erreichen, sagt sie. Damit gehört sie zu einer in Indonesien immer noch sehr seltenen Spezies: Maida ist ein waschechter Single!

Nach dem Frühstück nimmt sie uns mit in ihren Bürotrakt, damit wir wieder einmal E-Mails nach Hause senden können. Sie bringt uns im Büro der Abteilung „koinoinia" unter, weil ihre Kollegin gestern mit dem Büroschlüssel nach Hause gegangen ist – Maida war ja mit uns in Huta Namorabei den Wassertürmen. 

DSC05881Im Büro der Landeskirche herrscht gemächliche Betriebsamkeit. Regale mit sorgfältig beschrifteten Akten säumen die Wand, eine Sitzgruppe steht am Fenster. Der Leiter der Abteilung, Kirchenrat Hutahaean (der auch für das Krankenhaus Balige zuständig ist), hat als einziger ein Büro für sich allein. Alle anderen arbeiten kommunikativ. Man spricht viel miteinander, das Telefon dient allein dem Außenkontakt. Der Büroleiter spricht recht gut Englisch. Im Gespräch stellt sich heraus, dass Samuel Sitompul, Sohn des verstorbenen Begründers der Partnerschaft zwischen dem Kirchenkreis Silindung und dem Kirchenkreis Köln-Süd, Superintendent Upak Sitompul, mittlerweile selber Pfarrer geworden ist und bei der HKBP verantwortlich für die Personalabteilung ist. Den wollen wir treffen. Er wird herbeitelefoniert.

Durch das Versetzungssystem der HKBP, alle vier Jahre werden die Pfarrstellen neu besetzt, geraten manche Zusammenhänge durcheinander. Die Leitung der Abteilungen im Landeskirchenamt haben auch Pfarrer inne, denen ein Fachmann zur Beratung zur Seite steht. Es ist sehr wahrscheinlich, dass nicht immer eine Person auf eine Verwaltungspfarrstelle gesetzt wird, die diese auch ausfüllen kann. Da sind Hängepartien und fehlende Entscheidungsfreudigkeit und mangelhafte Kompetenz in der Landeskirche vorprogrammiert (denkt der naseweise rheinische Pfarrer).

Samuel denkt, dass er an der richtigen Stelle ist und sieht das Verteilsystem der Pfarrstellen positiv. So ist gewährleistet, dass alle mal auf attraktive Pfarrstellen berufen werden. Samuel ist in den ersten Minuten des Gespräches einsilbig, was aber daran liegt, dass er sich sehr spontan auf dieses englisch geführte Gespräch einlassen muss. Mir würde es sicher auch so gehen, wenn plötzlich drei wissbegierige Indonesier in meinem Büro auftauchten und unbedingt mit mir reden wollten, wer weiß, worüber. Mit zunehmender Gesprächsdauer und vermehrt ausgetauschten Anekdoten über seinen Vater und die Frühphase der Partnerschaftsarbeit, taut er weiter auf. Sein Vater hat nämlich die Partner Silindung und Köln-Süd vor mehr als 20 Jahren zusammengebracht – nachdem man sich in Deutschland nicht entscheiden konnte, welchen HKBP-Kirchenkreis wir als Partner wählen wollten.

Martogi Sitorus sendet wieder ein Auto und einen Fahrer, denn Nelson kann nicht bleiben. Irgendwie ist Martogi als graue Eminenz der Partnerschaftsarbeit selten selber dabei, im Hintergrund scheinen bei ihm aber die organisatorischen Fäden zusammenzulaufen.

P1040511Unser Ziel ist die Region Pahae, die im Sommer 2011 von einem starken Erdstoss betroffen war. Opfer waren gottlob nicht zu beklagen, aber Kirchen und Gemeindehäuser haben Schaden genommen. Aus dem Kirchenkreis Köln-Süd war eine Soforthilfe nach Pahae überwiesen worden. Auch hier wollen wir natürlich die Projekte besuchen und die Menschen treffen, die mit den Partnerschaftsgeldern umgehen. Natürlich ist der Superintendent und seine Frau wieder mit von der Partie. Er möchte in Pahae ein Treffen von Kirchenhelfern besuchen und lädt uns dazu ein.

Wir lange dauert wohl die Fahrt? Müssen wir noch zusätzliche Wasserflaschen ins Auto bringen? Pahala schätzt positiv: In einer halben Stunde müssten wir da sein. Reinhard weiß es von früheren Besuchen anders und meldet Zweifel an: Pahae ist weit weg und auch noch weit ab vom Schuss. Tatsächlich lernen wir wieder wichtige indonesische Vokabeln: „Hati-hati jalan rusak" steht es alle paar Kilometer auf Schildern: Vorsicht, die Straße ist beschädigt. Schlaglöcher überall, die Bautrupps mit Steinen und Lehm auszufüllen versuchen, ehe die Regenzeit endgültig beginnt. Stau. Nach einer weiteren halben Stunde versperrt ein umgestürzter Baumriese die Straße, der die Stromleitungen mitgerissen hat. Langer Stau. In der nächsten Kleinstadt ist Markttag. Riesenstau. Das alles ist für mich überhaupt kein Problem. Ich versuche, alle Bilder in mich aufzunehmen. Nur die verstohlenen Blicke meiner Mitreisenden auf die Uhren zeigen deutlich: Hier tut sich ein Problem auf: Wenn die Tagung mit den Kirchenhelfern genauso läuft wie die Treffen, die wir bisher besucht haben, dann wird das nicht ohne herzliche Begrüßung, freundliche Reden, Übergabe eines Ulos und gemeinsames Essen abgehen können. Indonesische Gastfreundschaft erfordert Zeit bei Gast und Gastgeber.

Wir fahren durch eine Landschaft, die sich vom Silindungtal immer mehr unterscheidet. Reis wird auf Terrassenfeldern am Hang angebaut. Der Anteil der Muslime nimmt hier am Rand des Kirchenkreises zu. Von den Schulmädchen, die uns am Straßenrand entgegenkommen, trägt vielleicht jedes dritte ein Kopftuch. In ursprünglich christlichen Dörfern finden sich nagelneue kleine Moscheegebäude. Alle Mini-Moscheen sehen gleich aus, aber Imame gibt es hier wohl nicht. Der Staat begründet die Notwendigkeit mit den muslimischen Fern- und Busfahrern, die auch im christlichen Batakland eine Möglichkeit für das rituelle Gebet brauchen. Ich habe trotzdem den Eindruck, hier geht es um Prestigebauten. Auch der Islam in Indonesien verändert sich. Wohin, muss sich zeigen.

DSC05917Am Rand der Durchgangsstraße bieten die Bauern Feldfrüchte zum Verkauf an. Reinhard entdeckt einen Haufen mit Durian-Früchten und meldet an, auf der Rückfahrt eine erstehen zu wollen. Warum erst auf der Rückfahrt? Vielleicht gibt s dann keine mehr. Besser wäre doch, schnell anzuhalten und sich ein paar Früchte in den Kofferraum legen. Reinhard grinst uns Sumatra-Amateure an!

Diesmal hilft Wikipedia: „Der Durianbaum (Durio zibethinus), auch Zibetbaum genannt, ist eine Pflanzenart innerhalb der Familie der Malvengewächse (Malvaceae). Sie ist ursprünglich in Indonesien und Malaysia beheimatet. Heute wird sie überall in Südostasien und manchen anderen tropischen Gebieten kultiviert. Die Frucht wird Durian, häufig auch Stink- oder Käsefrucht genannt und wird als Obst verwendet. Aufgrund der Geruchsbelästigung ist die Mitnahme von Durianfrüchten in Hotels oder Flugzeugen meist nicht gestattet. Setzt sich der Geruch erst einmal fest, ist es schwierig, ihn wieder loszuwerden. Deshalb ist es in Hotels üblich, bei Verstoß gegen das Durian-Verbot das Zimmer für eine weitere Woche bezahlen zu müssen." Tatsächlich übernachten wir in an unserem letzten Tag auf Sumatra in Berastagi in einem Zimmer, dass einen „Keine Durian"-Aufkleber auf der Tür hat. Der indonesische Einkaufstipp: Durian erst kurz vor dem Ziel kaufen und ins Auto laden.

DSC05884Es dauert über zwei Stunden, bis wir links abbiegen und das Auto neben einer großen freien Fläche zum Stehen kommt. Unter provisorischen Dächern sind Holzbalken wettergeschützt gelagert, an der hinteren Stirmseite des Grundstücks steht ein Glockenturm verloren auf dem Gelände. Zwei Stufen führen zu einer weiß gefliesten Bodenfläche, die den Grundriss einer Kirche auf dem Boden abbildet. Auf diesem Gelände stand eine Kirche, die vom Erdbeben so stark beschädigt wurde, dass ein Abriss unumgänglich war. Das noch brauchbare Baumaterial wurde eingelagert. Wir sehen uns um. Auf der weiten Ebene um die ehemalige Kirche reichen Reisfelder bis an die Berghänge. Dort ziehen sich grüne Wälder bis zu den Höhen. Die Bodenplatte der Kirche wirkt verloren in dieser üppig wachsenden Umgebung. Jemand reicht Fotos von der alten Kirche und von den Schäden herum. Stützpfeiler und Holzträger waren gebrochen und aus ihrer Verankerung im Boden gerissen. Hier wird viel Geld nötig sein, um wieder eine Kirche zu erbauen. Aber wir sollen auch Positives sehen, versprechen uns unsere Begleiter: Eine Kirche, die gerade neu errichtet wird. Und wir werden die fleißigen Kirchenhelfer, die Churchworkers der Region Pahae treffen.
Wieder fällt der Blick verstohlen auf die Armbanduhr. Der ursprüngliche Zeitplan ist längst hinfällig. Für heute Nachmittag ist das erste Treffen mit dem Partnerschaftsausschuss Silindung vorgesehen – für uns der wichtigere Termin. Aber wenn die Rückfahrt ebenso mühsam ist wie die Anreise?

DSC05899Eine Viertelstunde später werden wir in eine große neue Hallenkirche in Simangumban geführt. Die Giebelwand fehlt noch – oder wieder, denn das frische Mauerwerk ist bei den Erdstößen herausgefallen und muss neu gesetzt werden. Wieder kommt die Gemeinde zusammen. Die Atmosphäre ist wieder entspannt und herzlich. Der Vertreter der Ortsgemeinde, Pfarrer Sibarawi, berichtet von den Schäden des Bebens. 44 Kirchen und Moscheen wurden beschädigt, ca. 2000 Privathäuser in Mitleidenschaft gezogen, gottlob aber keine Menschen geschädigt. Die Unterstützung aus Köln-Süd war eher symbolisch, der Gemeindepfarrer bedankt sich aber sehr für das Zeichen, dass die Schwestern und Brüder in Pahae nicht vergessen worden sind. Die Bitte um weitere Unterstützung bleibt nicht aus, denn die Region Pahae möchte einen eigenen Kirchenkreis gründen. Tarutung ist weit, und die Probleme sind andere als im Silindungtal. Der Praeses antwortet politisch, scheint aber den Bestrebungen Pahaes nicht entgegenstehen zu wollen. Der unvermeidliche Ulos wird mit der sympathischsten Rede des ganzen Besuchs überreicht: „Wir schenken Ihnen einen Ulos als Zeichen der Freundschaft. Wir wissen, dass Sie schon welche haben, aber der Ulos ist nun mal das traditionelle Geschenk, das wir für solche Gelegenheiten haben. Deshalb bekommen Sie von uns trotz allem einen Ulos." Foto.

DSC05910Jetzt soll natürlich ein Essen und das Treffen mit den Churchworkers folgen. Der Praeses möchte uns gerne vorstellen, haben wir den Eindruck. Es geht aber beim besten Willen nicht. Wir müssen den Superintendent bremsen und bitten Maida, unsere Entschuldigung zu übersetzen. Praeses Silitonga bleibt bei den Churchworkers und verspricht, zum Treffen des Partnerschaftsausschuss nachzukommen. Die Gemeinde vom Simangumban verabschiedet uns gemeinsam auf dem Vorplatz der Kirche. Irgendjemand hat Durianfrüchte besorgt, dazu Kokosmark und Kokosmilch, die für uns in Plastikbeutel abgefüllt worden ist.

Die Rückfahrt verläuft wesentlich zügiger als befürchtet, allerdings um den Preis, dass Diakones Maida immer grüner im Gesicht wird auf der kurvigen Straße durch die Hügel zwischen Pahae und Tarutung. Dass sie lange Autofahrten eigentlich nur schlecht verträgt, hat sie mit asiatischer Zurückhaltung natürlich nicht gesagt. Wir hätten das doch verstanden, wenn sie auf diesen Ritt durch die Provinz verzichtet hätte!
Wir haben wegen der zügigen Fahrt doch mehr Zeit als erwartet. Reinhard wünscht sich den Besuch in einem Restaurant, in dem halal gekocht wird, das also ausschließlich Speisen und Getränke anbietet, die für muslimische Gäste erlaubt sind. Der Fahrer parkt vor einem Restaurant am Aek Sigeaon, dem Fluss, der durch Tarutung fließt.
P1040582In einer Glasvitrine sind alle Speisen ausgestellt, die heute im Angebot sind, das ist die Speisekarte. Man sucht sich aus, was man auf dem Tisch haben möchte und bezahlt am Ende nur das, was man tatsächlich gegessen hat. Über die Fischreste auf dem Nachbartisch machen sich gerade zwei weiße Katzen her, ehe die Kellnerin sie verscheuchen kann. Das Lokal ist gut besucht. Natürlich werden wir wieder interessiert beguckt. Das kleine goldene Kreuz am Revers, das Almuth für uns drei besorgt hat, weist uns wie geplant als Christen aus. Ob das junge Paar am Nebentisch muslimisch oder christlich ist, lässt sich nicht sagen. Die junge Frau trägt das Haar offen, aber das ist auch bei Muslimen im Batakland durchaus möglich. Nach unserem Tischgebet nicken sie uns freundlich zu.
Die Kellnerin bringt unsere Auswahl, unter anderem auch ein Gericht aus Wasserbüffelfleisch (habe ich das wirklich richtig verstanden?) und Gläser für unseren Kokosnuss-Cocktail.

Der Partnerschaftsausschuss tagt im Gebäude des Kirchenkreises Silindung. Martogi Sitorus ist pünktlich da und erwartet uns schon, Nelson hat sich ebenfalls frei genommen, Florida Limpong und Pfarrerin Marudur Siahaan kommen dazu, Maida Siagian und Pahala Simanjuntak treffen mit uns ein. Der Ausschuss beginnt seine Sitzung. Martogi leitet bedächtig. Offensichtlich wartet er auf das Eintreffen des Praeses, der mit seiner Frau noch nicht von den Churchworkers aus Pahae zurückgekehrt ist. Die Verkehrssprache der gemeinsamen Sitzung ist Englisch. Trotzdem müssen Maida und Marudur einiges übersetzen, denn Floridas Sprachkenntnisse sind dürtig. Ein anderes Mitglied des Ausschusses, dessen Namen ich mir nicht notiert habe (wie konnte mir das passieren? Ich werde schlampig!!!), versteht kein Wort. Aber der Besuch der ökumenischen Familie zum Jubiläum hat wieder gezeigt, dass englische Sprachkenntnisse in der Partnerschaftsarbeit notwendig sind. Martogi Sitorus zum Beispiel, hat in der letzten Zeit sein Englisch wesentlich verbessert. Der Ausschuss hat sich Mühe gegeben und einen Jahresbericht vorgelegt - Leider liegt der Bericht als Tischvorlage auf Indonesisch vor. DSC05930Das stellt uns vor Probleme. Außerdem fehlt das, was für uns Deutsche das Wesentliche ist: Es gibt kein Zahlenwerk, welche Gelder in welche Projekte geflossen sind. Wir fragen nach dem Frauentag im Kirchenkreis. Hier sollte Frau Silitonga berichten, die ist aber mit ihrem Mann immer noch in Pahae. Die Entscheidung, den Churchworkers abzusagen, war offensichtlich die richtige. Die neuen Projektvorschläge möchte Martogi Sitorus nicht ohne Silitonga beraten wissen. Man schaut sich ratlos an, schaut ebenso ratlos auf die Uhr, und vertagt sich auf morgen (Gut dass wir vorher schon auf eine zweite Sitzung gedrängt hatten!).

Trotzdem bleibt keine Zeit für einen kurzen Erfrischungsbesuch im Gästehaus. Auf dem Programm steht jetzt ein Besuch bei den Weberinnen von Tarutung, einer Mikro-Kredit-Initiative. Danach lädt uns Florida zum Abendessen ein. Wir stehen bereits draußen in der Sonne und warten auf die Verlässlichkeit in Person, Maida Siagian, als Praeses Silitonga nebst Gattin tatsächlich doch noch eintreffen. Die Ausschussmitglieder haben sich aber schon zerstreut, die Vertagung ist amtlich.

Vom Konflikt, der Hinter den Kulissen entbrennt, bekommen wir zunächst nichts mit. Der Praeses scheint sich anderes von diesem Tag versprochen zu haben. Er muss Maida und Martogi heftig angegangen sein, kaum dass wir das Gebäude des Kirchenkreises verlassen haben. Martogi hat wohl seine Entscheidung, den Ausschuss ohne den Superintendenten zu vertagen, solide begründen können – oder er als politikerfahrener Verwaltungsbeamter kann mit einem aufbrausenden Batak umgehen. Maida nimmt sich das Ganze sehr zu Herzen. Wir sehen sie an diesem Tag nicht mehr, Marudur begleitet uns zu den Weberinnen und berichtet ein bisschen vom Zorn des Superintendenten und der Enttäuschung der Diakonisse – soviel wie ihre Zurückhaltung erlaubt. Offensichtlich hat der Superintendent geglaubt, Maida hätte die Entscheidung zu verantworten, das Treffen mit den Churchworkers für uns abzusagen. Außerdem scheint der Superintendent kurzfristig vergessen zu haben, dass Diakones Maida eine Mitarbeiterin der Landeskirche und nicht des Kirchenkreises ist und ihre eigentliche Arbeit zurückgestellt hat, weil unsere Delegation ja noch nicht abgereist ist.

DSC05941Marudur begleitet uns zu den Weberinnen. In traditionellem Verfahren werden prächtige Stoffe für Ulosse und Sarongs gewebt. In einem Stadtteil von Tarutung, in Gehweite von Pearaja, wohnen die Weberinnen. Wir betreten ein Haus (Schuhe ausziehen!) mit einer Manufaktur. Zwei Frauen richten die bunten Fäden zu und drehen sie auf Weberschiffchen. Eine junge Frau webt eine vielfarbige Stoffbahn. Die Füße stemmt sie gegen sie Wand, an der die Kettfäden befestigt sind. So baut sie die Spannung auf. Die Kettfäden enden in einem Holzgestell, in das die Weberin gleichsam hineingeschlüpft ist. Die Schiffchen mit den verschiedenen Farben schießt sie vor ihrem Bauch in und her. Je nach Muster schafft die Weberin etwa einen Meter Stoff in ihrer Uloshandweberei, die dann zu traditionellen Trachten verarbeitet werden. Ab 400.000 Rupijahs (etwa 33 €, inclusive Material!) sind für ein handgewebtes Kleidungsstück von mindestens drei Wochen Arbeit zu zahlen. Reinhard erwirbt eine Weberarbeit, Almuth überlegt noch. Bei einer anderen Weberin im nächsten Haus erwartet uns die Kinderschar des Dorfes, die wie die Orgelpfeifen aufgereiht auf einer Bank im Hauptraum sitzen. Mit den nackten Füßen kraulen sie einen Hund, der unter der Bank döst. Die Weberin arbeitet im Nachbarraum, die Technik ist dieselbe, nur hat ihre Arbeit ein wesentlich aufwändigeres Muster und andere Farben. Sie verspricht, morgen einen Sarong herzuschaffen, der Almuth gefallen könnte.

DSC05957Es wird Zeit für das Abendessen bei Thomson und Florida. Die beiden wohnen mit ihren beiden Kindern in einem Haus in Pearaja, dass noch aus der Zeit der Missionare stammt. Auch hier gackert eine Schar Hühner im Garten. Das Haus hat aber große Fensterscheiben zur Straße hin, der vordere Raum ist ein echt-europäisches Wohnzimmer. Zwei weitere Zimmertüren sind zu sehen, im hinteren Teil des Hauses muss sich eine Küche befinden, denn Florida hat europäisch gekocht. Der Partnerschaftsausschuss hat sich wieder in Teilen eingefunden, Thomson Sinaga, Floridas Mann, spricht sehr gut Englisch. Wahrscheinlich ist er es, der Floridas E-Mails und ihre Entwürfe für die Partnerschaftsarbeit übersetzt.
Suppe und Kartoffeln tischt Florida auf, natürlich auch Reis. Auf die Nachspeise haben wir gewartet, denn Florida hat die Durianfrüchte aus Pahae an sich genommen. Mit einem scharfen Messer wird der stacheligen Frucht auf dem Dielenboden des Wohnzimmers zu Leibe gerückt. Es erfordert großes Geschick, die etwa fußballgroße Stachelfrucht zu öffnen. Ihr Inneres erinnert eher an eine Kastanie. Festes, weiß-gelbliches Fruchtfleisch umschließt fünf Kernhäuser. Kaum nach dem Öffnen der Frucht füllt sich der Raum mit dem intensiven Durian-Geruch, der auch in Indonesien nicht jedermanns Sache ist. Thomsons und Floridas Kinder genießen das Fruchtfleisch in vollen Zügen, auch Reinhard, aber Marudur und Florida lehnen dankend ab. Sicher, die Durian schmeckt exotisch und anders als alle Früchte, die ich bisher gegessen habe. Aber so richtig aus dem Sitz haut mich der Geschmack jetzt nicht ...

DSC05956Ein paar Gastgeschenke haben wir immer dabei, aber bei dieser Einladung werden die Gäste reich beschenkt. Florida hat schöne Batiktischdecken für und erworben. Almuth revanchiert sich mit den „Perlen des Glaubens". In der Ecke müffelt die Durian.

Thomson bringt uns in seinem verwegenen Kleinbus zum Gästehaus. Irgendwie kommen wir nicht zur Ruhe. Ein weiterer Besuch im wegen des Stadtjubiläums belebten Zentrums Tarutungs scheint uns als Abendspaziergang sinnvoll. Außerdem gab es da doch einen Stand mit Batikkleidung, an dem wir zuerst nur vorbeigeschlendert sind, der sich aber sicher zu durchstöbern lohnt. Also noch einmal hinaus in die warme Nacht und hinunter in das Flusstal zur „Exhibition". Wir hätten ahnen können, dass heute ein besonderer Tag ist. Keine Bandmusik schallt von der Bühne, sondern die kommentierende Stimme eines Moderators. Vor der Bühne. Keine tanzenden Jugendlichen auf dem freien Platz, sondern eine Vorführung von Mauerspringern von der Insel Nias, ebenfalls Teil Indonesiens und kulturell eigenständig. Auf Nias wird ein Initiationsritus für junge Männer gepflegt: Wer zum Kreis der Männer gehören will, muss ohne Hilfsmittel über eine etwa zwei Meter hohe Mauer springen. Eine Gruppe von Mauerspringern ist offensichtlich zum Stadtfest eingeladen worden. In der traditionellen Kleidung der Krieger mit Speer und Schild führen die Männer Tanzrituale auf. Eine künstliche Mauer aus Holz ist bereitgestellt, und tatsächlich überspringen die Männer das Hindernis mit Geschick und Technik, und landen mit ihren nackten Füßen auf dem Asphalt einer Tarutunger Straßenkreuzung – das muss doch wehtun!
Stone JUmper NiasDas Spektakel hat viele Schaulustige angelockt. So etwas bekommt man auf Sumatra wohl eher selten zu sehen, man müsste nach Nias reisen. Und ausgerechnet heute keine Kamera dabei – wozu auch, wir wollten doch shoppen. Der Bühne gegenüber hat man Sitzgruppen aufgestellt. Unter einem Baldachin sitzt der Bupati (Landrat) höchst persönlich nebst Gattin und einer Anzahl von anderen Gästen, um der Vorführung beizuwohnen. Gepflegter Applaus nach einem gelungenen Sprung oder einer besonders kriegerischen Geste. Wir – als letzte gekommen – stellen uns in die letzte Reihe. Von einem Herrn in feinem Zwirn werden wir offensichtlich entdeckt, Europäer sind einfach zu leicht auszumachen. Er drängt sich durch die Reihen zu uns, winkt, gestikuliert, geleitet uns dann durch die Stehplatzreihen an den anderen Schaulustigen vorbei nach vorne. Peinlich. Wir gehen in die Knie, wir sind nun einmal ein paar Zentimeter größer als die meisten Menschen hier. Über uns kann man nicht hinweggucken. Der Mitarbeiter ist in wenigen Minuten wieder da und bringt uns drei Plastikstühle. Die Zuspätkommer haben Sitzplatz erste Reihe. Sehr peinlich. Der Bupati grüßt uns mit lässiger Geste, die Sonnenbrille scheint er auch am späten Abend nicht ablegen zu wollen. Es muss Dir nicht peinlich sein, werde ich später aufgeklärt. Den Batak wäre es peinlich, Dir als Ihrem Gast nicht den besten Platz angeboten zu haben. Es ist für sie völlig in Ordnung, dass man Dich da vorne platziert hat. Es war mir aber trotzdem peinlich, besonders als die Damen der Niasgruppe zu einerm gemeinsamen Schreittanz auffordern. Der Bupati und die Oberen der Stadt müssen mittanzen, wir aber auch. Die feingliedrige Dame vor mir schreitet elegant, was man von mir nicht behaupten kann.

Der Bupati erhält von den Männern eine aus Holz geschnitzte Kriegerfigur, vielleicht 40 Zentimeter hoch. Er bedankt sich, nimmt sie entgegen und posiert mit den Mauerspringern für das unvermeidliche Gruppenfoto. Nach dem letzten Blitz eilt ein muskulöser junger Mann, ebenfalls Anzug und Sonnenbrille, herbei und nimmt die Figur an sich und bringt sie außer Sichtweite. Entweder ist das immer so oder für heute sehr gut abgesprochen. Die Menge beginnt, sich zu verlaufen. Martogi Sitorus steht plötzlich vor uns in Begleitung eines Uniformierten. Er ist mit seiner Frau ebenfalls eingeladen gewesen und hat auch irgendwo im Kreis des Bupati den Mauerspringern zugeschaut. Der begleitet uns zum Batik-Stand. Ich kann nicht abschätzen, ob er einfach nur höflich ist oder ob er befürchtet, dass wir über den Tisch gezogen werden könnten. Reinhard und Almuth stürmen die Kleiderständer, ich will mich nach Futter für mein Mobiltelefon umsehen.

In Indonesien ist der Telefonmarkt ebenso umkämpft wie in allen Teilen der Welt und verzeichnet rapide Wachstumszahlen. Mehrere Anbieter buhlen um die Gunst der Konsumenten. In einem dicht besiedelten Gebiet wie dem Silindungtal lässt sich solider Umsatz erwirtschaften. Die Telefonkosten sind allerdings an das Einkommensniveau angepasst, sonst würde kaum ein Massenmarkt daraus. Bisher habe ich für meine Verhältnisse viel telefoniert und SMS versandt. Kosten: 80 Cent. Weitere 80 Cent wollen jetzt investiert sein. Aber wo? Ich tippe auf einen Zeitungs- und Tabakladen. Martogi wechselt ein Wort mit dem Uniformierten. Mit indonesischen Uniformen kenne ich mich immer noch nicht aus. Ist das ein Offizier? Obwohl – die Offiziellen beim Jubiläumsgottesdienst sahen ähnlich aus.

DSC05566In diesem Moment bricht der Regen los. Ware wird eilig unter die Planen geschoben, aber unaufgeregt. Wir sind nahe an der Regenzeit, mit den ersten Regengüssen hat man wohl gerechnet. Dicke Regentropfen fallen dicht an dicht, der Wind treibt Regenfahnen vor sich her. Bald schon müssen die Standbesatzungen mit Besen und Schrubbern ihre Zeltplanen von den Wassermassen entlasten. Kubikmeterweise klatscht der Regen auf die Straße, bildet Bäche auf dem Asphalt und knöcheltiefen Schlamm an den Rändern. Ich beginne zu verstehen, warum ein Straßengraben auf Sumatra ein etwa einen Meter tiefer, am besten betonierter offener Kanal sein muss. Das Wasser kriecht am Boden überall hin. Die Verkäufer am Batik-Stand ziehen die Schuhe aus und verstauen sie im Gestänge unter dem Zeltdach und stehen barfuß auf dem nassen Grund. Alles geschieht weiterhin unaufgeregt und mit großer Selbstverständlichkeit. Tropisches Wetter ist eben so.

Ich stehe unter einer Plane und fuchtele mit meinem Telefon in der Hand in der Luft herum. Der Uniformierte spricht kein englisch, hebt aber jetzt den Zeigefinger in die Luft, reißt Augen und Mund auf – und gibt mir so zu verstehen, dass er meine Pantomime verstanden hat. Er bahnt sich den Weg durch Matsch und Menschen zu einem Zeitungsladen. Auch das scheint auf der ganzen Welt gleich zu sein. Die ältere Dame stellt eine Frage, ich mache diesmal hilflose Gesten, sie verschwindet und kurz darauf erscheint ein junger Mann. Der fragt in sauberem Englisch, was er wissen muss, um das Guthaben aufzufüllen, entlockt meinem Telefon seine Geheimnisse, tippt Zahlencodes ein und zeigt mir auf meinem finnischen Gerät noch ein paar Tricks, von denen ich keine Ahnung hatte. Seinen leicht mitleidigen Blick kenne ich von der evangelischen Jugend Brühl. Die gucken mich auch immer so an. Auch das ist offensichtlich auf der ganzen Welt gleich.

Martogi hat die ganze Zeit bei den shoppenden Almuth und Reinhard gestanden. Die Geschäfte sind gemacht, der Regen strömt. Er verabschiedet sich mit dem Uniformierten, und die beiden kehren zur Gesellschaft des Bupati zurück. Wir machen uns auf den Heimweg, springen über Pfützen und kräftige Rinnsaale und machen dabei keine so elegante Figur wie die Mauerspringer von Nias. In einem Lebensmittelgeschäft erwirbt Almuth die Utensilien für einen indonesischen Absacker: Teebeutel und Brownies. Maida sollten wir noch einmal anrufen und hören, wie es ihr nach der Auseinandersetzung mit dem Superintendenten geht. Sie bedankt sich asiatisch-zrückhaltend für unser Mitgefühl und versichert uns, es gehe ihr gut und alles sei in Ordnung. Wenige Minuten später folgt eine SMS: Ich weiß es zu schätzen, dass Ihnen der Krach um mich nicht egal ist. Ein emotionaler Vulkanausbruch für die sonst so beherrschte Diakonisse.

Der Tee wird aufgebrüht, Brownies auf dem Teller herumgereicht, wir sind allein im Gästehaus und lassen den Tag Revue passieren. Wann werden wir morgen abgeholt? Kaum ist Maida nicht da, missraten die einfachsten Dinge wie die Absprache über unsere Mitfahrgelegenheit. Vielleicht ist es ganz gut, dass der Kirchenkreis einmal sieht, wie wertvoll die Mitarbeit von Maida Siagian in der Koordination der Partnerschaft ist. Wir werden um 7.00 Uhr wie gewohnt fertig sein, zur Not Pahala Simanjuntak anrufen oder einfach ein Rikscha-Taxi nach Pearaja nehmen.

Fortsetzung folgt in ca. 10 Tagen !

Tageslosung 23.05.2018
Ein Geduldiger ist besser als ein Starker und wer sich selbst beherrscht, besser als einer, der Städte einnimmt.

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