„Gott ist schon längst da und ist gegenwärtig“ – Nachrichten von der Herbstsynode des Kirchenkreises Köln-Süd – Optimismus trotz Corona

Vor Corona ist nach Corona. Wir werden uns nach der Pandemie garantiert nicht wieder so aufstellen wie vor ihr.“ Das war deutlich – der Brühler Pfarrer Stefan Jansen-Haß leitete mit seinen Kolleginnen Sandra Nehring und Renate Gerhard die Liturgie beim Eröffnungsgottesdienst der Kreissynode Köln-Süd in der Trinitatiskirche und plädierte für Optimismus. Für Jansen-Haß bietet Corona die Chance, das Wirtschaftssystem gerechter zu machen, sozialpolitisch für mehr Ausgleich zu sorgen, und für einen Schuldenausgleich zwischen Staaten zu sorgen. Der Pfarrer warf aber auch einen lokalen Blick zurück. Als er sein Pfarramt vor 20 Jahren antrat, gab es in Brühl vier Pfarrer und sechs Kirchen. Heute sind es noch drei Kirchen, zwei Pfarrerinnen und er. Und sonst? „Unsere Gemeinde ist sehr weiblich geworden. Wir gendern nicht. Wir machen es einfach. Ich sehe uns auf einem guten Weg“, stellt er fest.

Den Wandel in der Gemeinde hat auch Renate Gerhard miterlebt. Sie erinnerte sich an zwei Frauen, die heiraten wollten, ein Presbyterium, das sich damit zunächst eher schwer tat, an einen schließlich zustimmenden Beschluss und an eine sehr fröhliche Hochzeit. „Gott, du hast uns so viele Aufbrüche erleben lassen. Warum sollten wir jetzt ängstlich sein?“ Ihre Kollegin erlebt den Wandel seit sieben Jahren. Sandra Nehring hat erlebt, wie drei Kirchen entwidmet wurden und sieht dennoch positiv in die Zukunft. „Ich habe die katholischen Brüder und Schwestern erlebt, die gesagt haben, dass ihre Türen offen für uns sind. Vor kurzen habe ich an einem 800 Jahre alten katholischen Taufstein getauft. Wieviel Raum braucht Gottes Wort? Könnte ich doch mehr hören, was Gott der Herr redet – bei Initiativen, in Vereinen, in freien evangelischen, muslimischen und katholischen Gemeinden.“

Nach dem Gottesdienst eröffnete Superintendent Bernhard Seiger die Beratungen der Synode. Kirchenrat Dr. Volker Haarmann überbrachte ein Grußwort der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er erinnerte an Psalm 85: „Herr, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande, und hast erlöst die Gefangenen Jakobs.“ Und zitierte, um den Optimismus aus dem Gottesdienst mitzunehmen, einen Vers aus einem weiteren Psalm, der Tageslosung: „Wenn ich sprach, mein Fuß ist gestrauchelt, dann hielt mich, Herr, deine Gnade.“

Es war spürbar, dass die Synodalen das Wiedersehen mit den Vertreterinnen und Vertretern der Gemeinden und der Funktionsbereiche, den Austausch und das gemeinsame Singen, wenn auch mit Maske, im hellen und frisch renovierten Kirchraum genossen haben. Die Synode fand nach zwei Jahren erstmals wieder in Präsenz und zum ersten Mail in der Kölner Trinitatiskirche statt. Die Kirche wurde gewählt, weil in dem großen Raum die Coronaschutzmaßnahmen gut eingehalten werden konnten.

Superintendent Bernhard Seiger bei seinem Jahresbericht

In seinem Jahresbericht erinnerte der Superintendent an die ersten Monate der Corona-Pandemie. Da gebe es viel aufzuarbeiten. „Zur Aufbereitung des Handelns in der Pandemie gehören die in manchen Bereichen zu scharfen Kontaktbeschränkungen insbesondere im Frühjahr 2020, die zur Folge hatten, dass sterbende Menschen von ihren Angehörigen nicht besucht werden konnten. Die Maßnahmen hatten Gründe, das hat aber das individuelle Leid nicht gemindert.“ Das habe er beim Hospiztag im Oktober in diesem Jahr erfahren. Aber auch Kinder und Jugendliche hätten während der Lockdowns viele Opfer bringen müssen. Es stellten sich zahlreiche Fragen, wie etwa: Was trägt uns in Krisen?, Wer trägt uns? und Wo finden wir Gott dann, wenn wir unsicher und schwankend sind? „Es kommt gar nicht darauf an, auf alles Antworten zu haben, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Das macht uns lebendig und lässt uns spüren, wo wir auf die gute Botschaft der Liebe Gottes stoßen“, sagte Bernhard Seiger weiter.

Der Superintendent zitierte aus der Ansprache der Medizinethikern Professorin Christiane Woopen während der Reformationsfeier vor einer Woche. Sie habe Solidarität in Verbindung zur Berührbarkeit gebracht: „Berührbar und empfänglich zu sein, hat eine Voraussetzung. Man muss für sich selbst berührbar sein, eine lebendige Beziehung mit sich selbst führen. Damit haben viele ein Problem, weil sie in sich nichts finden würden, aus dem heraus sie sich selbst etwas sagen könnten und das eine positive Bedeutung für sie habe.“ Die Beziehung zu Gott führe zu Berührbarkeit und öffne die Gewissheit unverbrüchlicher Liebe, erlaube, „Gott in uns und im anderen zu finden. Wer in diesem Resonanzraum lebt, tritt in einen Raum, geht neue Wege und spürt: Gott ist schon längst da und ist gegenwärtig.“ Seiger schlug die Brücke zur Synode und beschrieb, dass die Gemeinden und auch die Synode eine solcher Resonanzraum seien, in dem Berührbarkeit eingeübt und verstärkt wird.

Synodalassessorin Simone Drensler moderierte die Aussprache über den Jahresbericht des Superintendenten

Superintendent Seiger erinnerte an das unermessliche Leid, das die Flutkatastrophe auch im Kirchenkreis Köln-Süd über die Menschen gebracht hat und dankte den Helferinnen und Helfern, die sich auch in Erftstadt, Lechenich und Brüggen eingefunden hatten. „Wie gehen wir geistlich und theologisch mit den Erfahrungen um? Es gibt apokalyptische Deutungsversuche, die in dem zerstörerischen Geschehen den Zorn Gottes am Werk sehen wollen. Dem kann ich mich natürlich ebenso wenig anschließen wie der Präses in seinem theologischen Blog. Für mich gilt auch angesichts dieser Katastrophe der eben beschriebene Resonanzraum. Gott ist in all dem, auch im Unaussprechlichen, schon da. Er ist der Gott, der mitleidet. Das Vertrauen in ihn führt zum Gebet, zu Solidarität und Berührbarkeit, die wir zulassen, weil wir empfindsame und zupackende Christenmenschen sind.“

Angesichts der Dürresommer 2018 bis 2020 und der aktuellen Flutkatastrophe forderte Seiger einen radikalen Sinneswandel.  „Wir brauchen einen anderen Lebensstil, der verträglicher ist für unsere Schöpfung und für die nächste Generation. Wie können wir anders leben, uns fortbewegen, einkaufen? Unendlich viele kleine Schritte sind zu tun. Das betrifft in unseren Kirchengemeinden vor allem die Gebäudebewirtschaftung. Unser Kirchenkreisfonds zur Förderung energetischer Maßnahmen leistet hier schon seit Jahrzehnten Beiträge. Das Thema der Energieeinsparung ist in allen Bauausschüssen präsent.“

Was die Zukunft der Kirche angeht, hielt der Superintendent ein Plädoyer gegen die Zaghaftigkeit: „Wir wissen, dass wir als Kirche in einem Prozess des geordneten Abbaus unserer Strukturen sind, um unsere Gestalt der kleiner werdenden Kirche langfristig anzupassen. Dabei wird vieles aufgegeben werden, es kann aber eben auch ein Aufbruch in Neues mit neuer Kraft werden, wenn wir es gemeinsam im Dialog mit der jungen Generation von Theologinnen und Theologen so gestalten, dass die Kirche der Zukunft lebbar ist, bisher wenig beachtete Zielgruppen erreicht werden und wir in manchen Bereichen neue Ausstrahlung gewinnen.“ Man brauche die Klugheit vor Ort: „Das kann unsere Strategie als dezentrale Kirche sein: Eben in allen digitalen Wandlungen auf jeden Fall Nähe und Ortsverbundenheit zu leben. Neben den Kooperationen ist eine verlässliche und freundliche, niederschwellige Kasualpraxis unsere beste Werbung. Dazu gehören Seelsorge und Diakonie als unser Pfund, wovon wir auch selbstbewusst erzählen dürfen.“

Bernhard Seiger nannte Einzelheiten zu dem großen Tauffest am Rhein am 13. August im kommenden Jahr. Gefeiert wird am rechtsrheinischen Ufer nördlich vom Tanzbrunnen. „Wir sind als Kirche da für Familien, so wie sie sind, für Alleinerziehende und Patchworkfamilien. Es soll spürbar werden: Uns verbindet, dass wir im Lebensraum Gottes als Kinder Gottes Erfahrungen machen, getauft werden und den Segen Gottes empfangen wollen. Die Täuflinge und ihre Familien werden in kleinen Gruppen vorbereitet und im besten Fall von Pfarrerinnen und Pfarrern ihrer Gemeinde am Rheinufer getauft. Sie werden mit dem Tauffest unvergessliche Erinnerungen verbinden.“ Den vollständigen Bericht von Superintendent Bernhard Seiger können Sie hier lesen.

Lothar Ebert präsentierte den Doppelhaushalt 2022/2023 des Ev. Kirchenkreises Köln-Süd

Nach dem Bericht des Superintendenten stellte Lothar Ebert den Doppelhaushalt 2022/2023 vor. Er rechnet für das kommende Jahr mit Gesamterträgen von 684.666 Euro sowie Aufwendungen in Höhe von 659.786 Euro. Rechnet man die Rücklagenentnahmen in Höhe von 5.000 Euro gegen, ergibt sich ein positives Bilanzergebnis von 29.880 Euro. Mit einem Novum in seinem 25-jährigen Engagement als Finanzkirchmeister im Kirchenkreis rechnet Lothar Ebert für das Jahr 2023. Derzeit plant er erstmals mit einem Defizit für ein Haushaltsjahr. Aus der laufenden Geschäftstätigkeit ergibt sich ein Fehlbetrag in Höhe von 41.647 Euro.

Der Raderthaler Pfarrer Klaus Eberhard fasste die Gemeindeberichte zusammen. Viele hätten sich intensiv mit den Folgen von Corona für das Gemeindeleben beschäftigt. „Zahlreiche Veranstaltungen wurden abgesagt. Aber langsam waren wieder Präsenz-Gottesdienste möglich und das Gemeindeleben wird aktuell wieder hochgefahren. Unter den geltenden Regeln.“ Viele Taufen seien nachgeholt worden, die 2020 ausgefallen waren. Es habe separate Tauffeiern und auch Haustaufen gegeben. „Aber die Taufe verliert an Relevanz. Die Zahl der Täuflinge geht zurück. Das liegt auch daran, dass es immer schwerer wird, Taufpaten zu finden.“

Skriba Jan Ehlert stellte die Berichte der Synodalbeauftragten vor

Auch 32 Synodalbeauftragte haben ihre Berichte abgegeben. Der Hürther Pfarrer und Skriba im Kreissynodalvorstand, Jan Ehlert, hob einige Schwerpunkte hervor. Auch in diesen Berichten habe die pandemische Lage im Mittelpunkt gestanden. Diese habe zu Einsamkeit und Isolation geführt. „Wir als Kirche hatten es unter Corona nicht leicht, die Anwaltschaft für Menschen zu übernehmen, die unter Corona nicht gehört wurden.“ Aber es hätten sich auch Räume für Kreativität, neue Formate und neue Möglichkeiten eröffnet. „Die Kirche ist ein Fass voller Ideen.“ Ehlert verzeichnete einen Digitalisierungs-Schub in der Kirche. „Ein Zurück ohne digitale Formate wird es nicht geben. Wir müssen das Digitale in der Kirche strategisch fassen. Wir brauchen eine Digital-Strategie. Welche Ausstattung benötigen wir, wer muss wie geschult werden?“

Auf Antrag der Gemeinde Hürth fasste die Synode noch einen einstimmigen Antrag an die Landessynode zur weltweit gerechteren Verteilung von Impfstoffen. Darin wird gefordert, „sich dafür einzusetzen die Möglichkeiten zu schaffen, dass produktionstechnische

Wissen an Hersteller in der ganzen Welt und den WHO-COVID-19-Technology-AccessPool weitergegeben wird“, damit die schnell und regional die Produktionsmenge an bezahlbarem Impfstoff gesteigert werden kann. Überschüssiger Impfstoff in Deutschland soll an Länder des globalen Südens weitergegeben werden. Die Bundesregierung wird aufgefordert, die Länder des globalen Südens bei der „Beratung, Ausbildung von Fachpersonal, finanziellen Mitteln und medizinischer Ausrüstung zu unterstützen, dabei auf lokales  Erfahrungswissen zurück zu greifen und so dazu beizutragen, dass Länder des Globalen Südens in Zukunft auf Mutationen des Corona-Virus und andere pandemische Situationen schnell und vor Ort unabhängig reagieren können“.

 

Stichwort Kirchenkreis Köln-Süd:

Der Evangelische Kirchenkreis Köln-Süd umfasst insgesamt 16 Gemeinden. Dazu gehören: Brüggen/Erft, Brühl, Frechen, Horrem, Hürth, Kerpen, Köln-Bayenthal, Köln-Raderthal, Köln-Rodenkirchen, Köln-Zollstock, Lechenich, Liblar, Rondorf, Sindorf, Sürth-Weiß und Wesseling. Dort leben rund 65.800 Gemeindeglieder.

 

 

Text: Stefan Rahmann
Foto(s): Stefan Rahmann / APK

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