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Abschluss des Reistagebuchs Sumatra

von Pfr. Stefan Jansen-Haß, Brühl;  Fotos von S. J-H. und Reinhard Radloff (Zur Vergößerung der Bilder: Bitte auf diese klicken!)

Freitag, 7.10. 2011

„Dr. Inge" erscheint, als wir uns vor dem Frühstück gegenseitig die Fotos des Vortages auf den Minibildschirmen der Digitalkameras zeigen und wortreich erläutern, was denn wohl darauf zu sehen sein könnte. Sie hat Pancakes gemacht, wie sie sagt. Es sind aber dünne Crèpes, wie sie sie aus ihrer Zeit in Grenoble kennt. Sie ist weit herumgekommen, als Forscherin und als Dozentint. An Angeboten, nach dem Aufbau von PI-DEL noch einmal etwas ganz anderes anzufangen, fehle es nicht. Hier läuft alles so, wie sie es sich vorgestellt hat. Dr. Inge Liem will nach Borneo gehen und dort ein Fördersystem für Kinder aus der Bergbauregion aufbauen. Sie macht sich auch Sorgen um die Grundstruktur von PI-DEL, weil die Kinder der Stifter jetzt in das Kuratorium nachrücken und es offen sei, ob sie die christliche Ausrichtung der Hochschule genauso mittragen wie ihre Eltern.

Es wäre Zeit für einen Neubeginn, meint sie, und fällt dann sofort zurück in ihre Rolle als Anschieberin, als Koordinatorin, als Johanna Dampf in PI-DELs Gassen: Ob von uns nicht jemand ein Semester in PI-DEL dozieren wolle – Reinhard hätte doch jetzt Zeit als Pensionär, und Ingenieurskunst braucht Indonesien so dringend, und Rita als Lehrerin könnte Pädagogikvorlesungen halten...

Aus Dr. Liems Kaffeemaschine tröpfelt aromatischer Kopi aus dem Gayo-Hochland Sumatras durch den Filter. Kaffee und Tee wird in Sumatra angebaut, aber zu wenig, um mit der Massenproduktion Südamerikas und Afrikas mithalten zu können und auf den internationalen Märkten beachtet zu werden. So bleibt beides im Land und wird von den Indonesiern selbst zu passenden Gelegenheiten als eine Köstlichkeit des eigenen Landes angeboten, zum Beispiel, wenn die Langnasen da sind.

Wie verabredet kommt Saidi Tambunan mit dem Kleinbus aus Balige. Der Bus wird uns nach Samosir bringen, der riesigen Insel im Tobasee, wo noch heute die Ursprünge der Batakkultur bewahrt werden. Unser großes Gepäck lassen wir beim Fahrer – für die eine Übernachtung reicht das Handgepäck. Daniel Tambunan von der Krankenhausverwaltung und Mitglied im Partnerschaftsausschuss Balige sowie ein Freund von ihm werden uns auf die Insel im Tobasee begleiten.

Wir nehmen Abschied von Anna, die eigentlich Philosophie studiert hat und jetzt das operative Geschäft von PI-DEL managt. Unsere Versuche, die Übernachtung im Gästehaus und die Mahlzeiten zu bezahlen, scheitern auch hier. „Wir sind stolz, dass Sie unsere Gäste waren." Wir tragen uns ins Gästebuch von PI-DEL ein. Unsere Einträge werden auf der Facebookseite der Hochschule erscheinen, also geben wir uns besondere Mühe mit einem passenden Gruß und sauberem Englisch.

DSC06259Dr. Liem begleitet uns noch nach Singumpar zum Grab von Ludwig Nommensen, dem Apostel der Batak. Dort hatte er bis zuletzt als Pfarrer gewirkt und wurde 1918 neben seiner Frau, seiner Tochter, seinem letzten Hund (!) und anderen europäischen Missionaren begraben. In den 50 Jahren seines Wirkens war die Batakkirche auf 112.000 getaufte Gemeindeglieder angewachsen.

Eine aufgeräumte und gepflegte Grabstätte mit polierten Steinen und europäisch anmutenden Grabstellen besuchen wir. Ein Tor verschließt das umzäunte Gelände, das von einem Kiesweg gerahmt wird. Die Hüterin der Gräber ist rasch gefunden, die uns das Tor aufschließen kann. An einem frühen Samstagmorgen ist auch in Indonesien nicht unbedingt mit Pilgern zu rechnen. Das Grab liegt am Rand von Sigumpar, ein wenig oberhalb des Tobasees. Über die weite Fläche der grasgrünen Reisfelder blickt  man über das Wasser, in dem die steil herausragende Insel Samosir heute Morgen im Dunst nur zu ahnen ist.

Dr. Liem verabschiedet sich und kehrt nach PI-DEL zurück, nicht ohne eine eindringliche Einladung auszusprechen, wieder zu kommen.

DSC06268Nommensens letzte Kirche in Sigumpar, in der er selber Pfarrer war, besichtigen wir nur von außen und zügig. Wir umrunden sie im Auto für ein rasches Foto, bevor uns der Ortspfarrer entdecken und die Gemeinde mobilisieren kann. Wir können ja nicht bleiben ...

Auf der Fahrt zum Fährhafen Parapat kommen Daniel und sein Freund in Plauderlaune. Dass man heutzutage Englisch beherrschen muss, ist beiden klar, und beide arbeiten daran, ihr Englisch zu verbessern. Daniel zeigt uns seine Armbanduhr, die er nach seinem Deutschlandbesuch (vor zwei Jahren) noch immer deutsche Zeit anzeigen lässt. Er habe sich daran gewöhnt, schnell auf indonesische Zeit umzurechnen. Er hoffe ja, wieder einmal nach Deutschland zu kommen. Studieren vielleicht ...Neben einer Konversationsübung berichten die beiden jungen Männer über ihr Leben. Freundschaften mit Frauen seien schwierig. Und es sei für Männer in ihrer Situation gar nicht so leicht, eine Frau zu finden. Früher wären Ehen angebahnt worden, heute wollten die jungen Leute das nicht mehr, aber die Tradition spielt noch immer eine große Rolle.

Zwischenruf aus Wikipedia:

Marga ist die Bezeichnung patrilinearer und exogamer Familienverbände (Clane und Subclane) bei den Toba-Batak, Bewohnern der indonesischen Insel Sumatra. Sie sind Kult- und Opfergemeinschaften. Beim Marga-Begriff handelt es sich um die größte Verbandsbezeichnung der Batak. Ihr untergeordnet sind Verbände wie die Saompu. Hierbei handelt es sich um einen Begriff, der Familien mit den Nachkommen eines vor drei bis vier Generationen lebenden gemeinsamen Vorfahrens erfasst. Darunter gliedert sich die ripe, die Kernfamilie bei den Toba-Batak. Heirat und sexueller Verkehr zwischen Angehörigen derselben Marga sind - ebenso wie zu Angehörigen der untergeordneten Samopu - verboten. Sie gelten als Inzest. Bevorzugt heiratet man die Kreuz-Base, d.h. die Tochter vom Mutterbruder, ein erster legitimer Ausweg aus dem Dilemma der genealogischen Beziehungen. Diese früher stets strikt eingehaltene Regel wird heute allerdings bisweilen durchbrochen."

Verbindungen zwischen Mitgliedern der väterlichen Linie, und seien sie noch so fern, sind von der Tradition her verboten. Ehen zwischen Verwandten in der mütterlichen Linie, werden gutgeheißen und sogar angestrebt – in früheren Zeiten waren Ehen von Cousins und Cousinen an der Tagesordnung.

DSC06280Wir erreichen Parapat. Die Stadt zieht sich hinunter bis zum Ufer des Sees. Die Insel Samosir erscheint von hier nicht wie eine Insel, sondern eher wie das andere Ufer eines Flusses, so steil ragt die Landmasse aus dem Wasser des Sees heraus. In der Ferne erkennen wir unser Ziel Tomok, das ebenso wie Parapat einen sanften Anstieg aus dem Wasser hinauf auf das Plateau bietet. Das schmale Boot eines Fischers gleitet am Anleger vorbei, den Fang hat er in einem gelben Plastikeimer verstaut, sein Netz liegt schwarz im Bug. Am Hafen hat sich viel Volks versammelt: LKW-Fahrer, die rauchend vor ihren Fahrzeugen stehen und auf das Signal des Fährkapitäns warten, Familien, die ihren Urlaub am See verbringen wollen, junge Paare auf einem Kurztrip und Touristen aus Australien im indonesischen Mietwagen. Weil Wochenende ist, treiben sich auch eine Handvoll Jungen an der Betonrampe herum, die die Reisenden als Einnahmequelle entdeckt haben. Reinhard bittet sie, die Batak-Hymne zu singen. Ein paar Geldscheine wechseln die Hand. „O tano batak". Eine englische Übersetzung lautet so:

O BATAK LAND (Englische Übersetzung Bruce Gale; Komponist S. Dis Sitompul)  [Bild: Daniel Tambunan und Freund]

DSC06289O Batak land, the land that I love
I always feel I am missing you
You know I can't sleep, I can't close my eyes
I just always desire to come to you

Chorus
O Batak land, I want to see you
I want come to the land of my birth
O Batak land, when I arrive there
I will be there always, I miss you

Whenever the sun rises in the sky
It makes the fields just flourish and thrive
So wonderful was life in those days
That is just how it was when I was there.

Chorus .....

BILD1079Daniel und sein Freund sehen so aus, als hätten sie gerne mitgesungen. Unser Kleinbus rollt auf die Fähre. Wir setzen uns auf das Personendeck und blicken über den See, der zwischen Festland und Insel eher wie ein breiter Fluss als wie ein See wirkt. Der See ist 87 km lang und 27 km breit und entstand durch einen Vulkanausbruch. Eine gewaltige Eruption hinterließ vor 74.000 Jahren eine gewaltige Absenkung und bildete so den größten Kratersee der Erde, dreimal so groß wie der Bodensee. Mitten im See liegt die 640 qkm große Insel Samosir, die als der Ursprungsort der Toba-Batakkultur gilt.

Die Jungen haben sich an Bord geschlichen und springen von der Bordwand der Autofähre ins Wasser geworfenen Geldscheinen hinterher. Mir scheint das gefährlich. Ich sehe mich nach einem Mitglied der Besatzung um. Drei Schiffer stehen rauchend neben den Jungen und schließen offensichtlich eine Wette ab – man kennt sich offensichtlich. Geldschein ins Wasser, die Jungen zählen laut einige Sekunden, dann Sprung ins Wasser, tauchen, nach wenigen Augenblicken Triumphgebrüll des Jungen aus dem Wasser mit nach oben gereckter Faust, in der der Geldschein sichtbar ist. Applaus vom Autodeck.

Der Bus quält sich durch Tomok, den Fährhafen auf der Inselseite des Sees. Wer auf die Halbinsel Tuktuk, das Zentrum des Tourismus auf der Insel möchte, muss die enge Straße Tomoks mit dem üblichen indonesischen Verkehr aus anliefernden LKW, Bussen, Geländewagen, Mopeds und Fußgängern jeden Alters passieren. Das dauert. Das Hotel hat Saidi Tambunan empfohlen, der hier einmal zu einer Fortbildung gewesen ist.

P1040657Die Halbinsel Tuktuk besteht nur aus Hotelanlagen, Restaurants und auf Touristen zielende Geschäfte. Für Indonesier ist der Tobasee ein gefragtes Ausflugs- und Urlaubsziel. Samosir als zweites großes indonesisches Ferienziel neben Bali für internationales Publikum attraktiv zu machen, ist bisher an den schwierigen Verkehrsverhältnissen gescheitert. Es hat sein Gutes, dass der seit Jahrzehnten geplante Trans-Sumatra-Highway noch immer auf sich warten lässt.

Wahrscheinlich hat Saidi Tambunan sich von seiner Deutschlanderfahrung leiten lassen. Das Haus, das er ausgesucht hat, könnte auch in irgendeinem anderen Urlaubsparadies zu finden sein. Die gepflegte Hotelanlage zieht sich hinunter bis zum See. Eine Mauer sichert das Gelände gegen das Wasser. Darauf laden Metallliegen zum Relaxen mit Blick auf den See ein. Üppiges Grün überall. Nur leider ist es auch hier auf der Insel wie im Hochland untropisch kühl. P1040645Die Personenfähre, die Gäste von Tuktuk direkt nach Parapat hinüberbringt, legt am hoteleigenen Anleger an. Das wollen wir morgen versuchen, denn der Bus wird mit Daniel Tambunan nachmittags wieder im Krankenhaus in Balige erwartet. Die Tambunans wollen uns am Flughafen wiedertreffen und verabschieden.

Beim gemeinsamen Mittagessen im Hotel schmieden wir Pläne für den Nachmittag. Daniel und sein Freund schlagen vor, einen Blick auf den historischen Friedhof und das Batakdorf in Tomok zu werfen. Almuth entscheidet sich, für zwei Stunden einen Blick auf den See zu werfen.

Also rollen wir vier mit dem Fahrer zurück in das Chaos von Tomok. Reinhard versichert mir, das wäre heute überhaupt nicht tragisch, in der Hauptsaison wäre es schlimmer. Das ist kaum vorstellbar.

Wir gehen zügig. Links und rechts des Weges zum Friedhof befindet sich ein Andenkenladen neben dem anderen. Manches ist sicher lokales Kunsthandwerk, manches stammt aber mit Sicherheit aus chinesischen Spritzgussautomaten. Die Männer und Frauen in den Läden haben nichts zu tun, die Kurzurlauber sind noch nicht zahlreich auf der Insel und das Wetter reizt die Indonesier nicht, an den See zu reisen oder nach Tomok überzusetzen. Wir fallen wie überall auf wie bunte Hunde und müssten uns eigentlich für alles interessieren – zumindest denken das die Ladenhüter.

DSC06293Im Zentrum von Tomok sind einige traditionelle Batakhäuser erhalten geblieben. Sie sind Teil des alten Dorfkernes von Tomok, haben also immer hier gestanden und sind nicht, wie die Häuser im Museum oberhalb von Balige, hier wieder aufgebaut worden. Diese Häuser werden auch noch bewohnt. Allerdings hat man nach hinten jeweils moderne Anbauten darangesetzt. Einen Strom- und einen Wasseranschluss  haben die Häuser auch. Der Platz vor der Häuserreihe füllt sich, Indonesier um die 30, paarweise oder in kleinen Gruppen, kommen an: Die neue junge indonesische Mittelschicht gönnt sich ein Weekendbreak auf Samosir!. Und dazu gehört offensichtlich ein gemeinsamer Ausflug in die Vergangenheit und in die Batakkultur. Auch hier gibt es eine Si Gale-Gale-Figur, die ein Puppenspieler zur Musik von der Konserve zum Tanzen bringt. Ein Mann mit einem Ulos über der Schulter weist die Gäste ein, stattet sie auch mit einem Ulos aus, erklärt kurz die Tänze und ihre Aussage (Daniels Freund ist so freundlich und übersetzt für mich). Und schon tanzt eine Reihe von Indonesiern in Jeans, Turnschuhen und modischen Baumwollhemden mit Ulos über der Schulter kichernd und lachend einen Hochzeitstanz. Im Verlauf des Tanzes schreitet die ganze Reihe wie zufällig an der mittanzenden Si Gale-Gale-Figur vorbei und stecken ihr einige Scheine zwischen die Finger der erhobenen Hände als Dank und Honorar für den Puppenspieler und den Tanzlehrer

DSC06305Vom Dorfplatz sind es nur noch wenige Schritte bis zu den Königsgräbern der Sidabutar-Familie, einer einflussreichen Königsdynastie auf Samosir. Die aus einem Felsbrocken herausgeschlagenen Sarkophage der Könige haben die Form eines Bootes. Verzierungen, Gesichter, ja ganze Figuren haben die Batak-Steinmetzen aus dem Fels der Sarkophage herausgeschlagen. Auch hier steht am Eingang ein Mann, der jedem Gast einen Ulos reicht: Man kann nicht ungeschmückt auf den Friedhof der großen Batakkönige gehen. Auch die Gräber selbst sind mit bunten Bändern geschmückt. Hier liegt auch Ompu Solompoan Sidabutar begraben, der große Unterstützer der christlichen Missionare und der erste Batakkönig, der sich taufen ließ. In die Umrandung seines Grabes sind Kreuze eingelassen. Er soll veranlasst haben, dass der Missionar, der ihn zum Glauben brachte, ebenfalls auf dem Königsfriedhof beigesetzt werden konnte. Hinter dem Friedhof befindet sich der Versammlungsplatz, an denen die Könige und die Priester das Volk hörten und Recht sprachen. Ein Geschmitzter Pfahl bezeichnet den Ort, kunstvoll gehauene Steinfiguren erinnern an die Vorfahren, die bildlich mit in der Versammlung saßen.

Reinhard kennt sich aus. Wir verlassen die Königsgräber durch den Nebenausgang des Friedhofs, geben die Ulosse wieder zurück und drehen noch eine kleine Runde am gerade neu eröffneten Batakmuseum vorbei. Hineinzugehen fehlt wieder einmal die Zeit, wir haben Almuth versprochen, am Nachmittag wieder da zu sein. Wir pirschen uns zurück durch die jetzt belebtere Drosselgasse zur Straße, wo unser Fahrer einen Parkplatz direkt hinter der Bushaltestelle gefunden hat. Eben jetzt fährt der Bus vor. Helfer entern das Dach und beginnen, Ballen vom Busdach auf die Straße zu werfen. Andere schleppen die Ballen in einen Hauseingang auf der anderen Straßenseite. Das dauert, der Verkehr staut sich, aber was soll man machen? Es ist eben so, aufregen nützt gar nichts. Das kann man von den Indonesiern lernen.

DSC06319Wir werden wieder in Tuktuk abgesetzt, Daniel Tambunan, sein Freund und der Fahrer kehren zurück aufs Festland. Wir ziehen uns zum Schwimmen um. Ob der Tobasee als Vulkansee auch wärmer ist als andere Seen?
Er ist es nicht. Und leider ist auch die Sonne nicht stark genug, um einfach beim Herumliegen zu trocknen. Lesen macht so auch keinen rechten Spass. Wir entscheiden uns für das Schreiben von Postkarten. Hier gibt es nämlich Ansichtskarten von der Urlaubsinsel, wahrscheinlich ein Zugeständnis an die Europäer. Schon in vier Wochen dürften sie in Deutschland sein. Mit Luftpost.

Das Telefon klingelt immer mal wieder. Tigor schickt SMS, um sich nach unserem Befinden zu erkundigen. Wir werden ihn wohl übermorgen in Medan wiedersehen. Ein fantastischer Sonnenuntergang über dem See taucht die Berge in ein goldenes Licht. Wir fotografieren wie wild, und trotzdem fängt das Foto die Stimmung kaum ein. Zum Abendessen suchen wir uns ein Restaurant von dem aus wir das schwindende Licht möglichst lange betrachten können. Nur noch ein einziger Tag ...

 

Samstag, 8.10.

Das Handy ist kaputt, es lädt nicht mehr. Nicht schlimm, denke ich mir. Ich hätte gerne noch Abschieds-SMS an Maida Siagian, Pahala Simanjuntak und all die anderen geschickt, aber das muss ich dann eben nachholen. In Kuala Lumpur werden wir morgen ein paar Stunden Aufenthalt haben, von dort kann ich einige E-Mails senden und mich bedanken.

Das Schiff geht schon 8.45 Uhr ab Schiffsanleger der Hotels. Wir müssen uns ein bisschen beeilen. Reinhard gelingt es wirklich, unsere Flüge am Sonntag nach Kuala Lumpur und Frankfurt zu bestätigen. (Der freundlichen Enpfangsdame sei Dank!) Auch mit Saidi Tambunan hat er gesprochen, der uns zwar nicht selber trifft, wohl aber den Wagen geschickt hat, der uns nach Berastagi fahren soll mit unserem Fahrer Yohannes am Steuer.

Nach dem Frühstück setzt uns das Schiff über nach Parapat, noch einmal vorbei an allen Hotels in Tuktuk und über den Tobasee. Ein Fischer im Einbaum winkt, als wenn er wüsste, dass wir abreisen müssen.

Um 9.30 Uhr sollte das Auto da sein, ist es aber nicht. Wir machen einen Rundgang über den Markt, der in der Nähe der Anlegestelle unter Planen aufgebaut wurde. Vielleicht ist Yohannes ja im Verkehr stecken geblieben. Der Markt ist bunt mit vielen Früchten und Gemüsen, frischem Fisch, der vor den Augen der Kunden erst geschlachtet und zerlegt wird. Getrockneten Fisch gibt es auch. Lebende Hühner gackern im Käfig, vom halben Schwein kann man sich das beste Stück aussuchen. Das Auto ist auch um 10.00 Uhr noch nicht da. Reinhard wird nervös. Wir könnten jetzt Saidi anrufen, wenn nicht mein Handy kaputt wäre und Almuth Saidis Nummer nicht falsch gespeichert hätte – oder Saidi ist in einem der vielen indonesischen Funklöcher, vor denen uns unser Indonesien-Coach Elke Sippel gewarnt hatte. Was kostet denn die Fahrt mit einem Mietwagen? Reinhard entwickelt rasch einen Plan B, falls man uns vergessen hat. Wir müssen heute nach Berastagi und dort Pfarrer Nekson treffen. Umgerechnet 40 Euro möchte der Chauffeur für die dreistündige Fahrt. Reinhard wird nervös, Almuth und ich sind viel zu fasziniert vom Treiben um uns herum, als dass wir uns groß Sorgen machen würden.

Yohannes taucht endlich mit dem Wagen auf. Ob er im Verkehr steckengeblieben oder zu spät in Balige losgefahren ist, lässt sich nicht mehr feststellen. Nur unsere Koffer hat er nicht dabei. Das ist ärgerlich, denn wir haben nicht für eine weitere Übernachtung geplant, müssen uns also auf dem Flughafen umziehen und umpacken. Wir verlassen den See nach Nordosten und reisen auf einer Nebenstraße. Noch einmal werden uns wunderbare Ausblicke über den Tobasee möglich.

Die Landschaft ändert sich, wir kommen ins Karoland, der Region der Karo-Batak: Andere Architektur, andere Sprache, andere Kirche. Wir passieren größere Städte und zusammenhängende viel dichter als im Toba-Batakland besiedelte Gebiete. In der Ferne erkennen wir den Kegel des Marapi-Vulkans, einem von insgesamt 33 aktiven Vulkanen auf Sumatra, zuletzt noch vor zwei Jahren ausgebrochen....

Die Unterkunft in Berastagi hat Pfarrer Nekson Simanjuntak gebucht. Er reist mit seiner Frau Rosmauli und Kindern Theresia und Theophilus nach Medan weiter, um dort an der 150 Jahrfeier für seinen Kirchenkreis teilzunehmen. Auch er wollte uns etwas bieten und hat uns im Hotel neben einem Freizeitpark untergebracht. Willkommen im Phantasialand! Nekson hat das Hotel ausgesucht, weil es westlichem Standard am nächsten kommt.

Im strömenden Regen versuchen wir, etwas von der Stadt zu erahnen, das Tal versinkt im Nebel und im Qualm der Feuer, die die Straßenhändler am Aussichtspunkt Gundarling über der Stadt entzündet haben, um sich zu wärmen.

Die Geschäfte haben geschlossen, es ist wohl nicht mit Kundschaft zu rechnen bei diesem Wetter. Dem trotzt aber eine Gruppe junger Männer. Die machen offensichtlich einen Reitausflug und lassen sich durch den Regen nicht abbringen. Die Pferde haben keine Meinung. Wir kehren ins Hotel zurück. Eine warme Dusche tut gut; eine Internetverbindung gibt es auch. Ich forsche nach, was wohl mit meinem Telefon ist. Einige Nachrichten sind aus Deutschland aufgelaufen, und ich lese mich fest.

Auch hier ist es wie in Tarutung; Wenn man gut essen gehen will, geht man zum Chinesen. Nekson und Familie haben ein Restaurant ausgeguckt, in dessen Nähe man parken kann, so dass der jetzt beständig fallende Regen uns nicht zu seher durchnässen kann. Nekson deutet seine Ambition an, nach Wuppertal zur VEM zu wechseln. Abends setze ich mich in die Hotellobby und suche nach dem Handyfehler. Ich sitze in der Lobby am LapTop, und bin nur noch bedingt interessant. Indonesische Reisegruppen, Frauen und Männer unter 35, sind mit sich selbst beschäftigt, fotografieren sich ständig gegenseitig in allen möglichen Posen, und amüsieren sich prächtig, Gläser mit bunten Getränken stehen auf den Tischen. Zwei islamisch gekleidete Frauen schlendern kichernd vorbei und zeigen sich gegenseitig die Bildschirme ihrer Smartphones. Ist das das Bild einer offenen indonesischen Gesellschaft oder ist das nur hier möglich, wo sich ohnehin die neue aufgeklärte Mittelschicht Indonesiens vergnügt?

 

Sonntag 9.10. und Montag 10. 10.

Ein frühes Frühstück muss wieder sein: Nekson will ja bei Zeiten im Sportstadion von Medan sein und 150 Jahre HKBP feiern. Die Familie steht im Sonntagsstaat auf den Stufen des Hotels. Auch hier: Foto! Neksons Frau Rosmauli hat für uns zwei Adressen von Batikläden in Medan herausgesucht, die auch an einem Sonntag geöffnet haben dürften. Hier wollen wir Mitbringsel für alle unsere Lieben erwerben. Yohannes behauptet, er würde die Adressen finden. Wir haben Zweifel.

Nekson hält auf der Fahrt nach Medan noch kurz in Suka Makmur, dem Trainingscenter der Karo-Batak-Kirche an. Wir bekommen einen kleinen Eindruck von dem Schulungsgelände mit großen Vortragssälen, in einem herrlichen Park gelegen. Leider keine Zeit mehr für Begegnungen und Gespräche....
An einer Kreuzung verabschieden wir uns von Nekson, Rosmauli und den Kindern. Vielleicht sehen wir ihn ja tatsächlich im nächsten Jahr in Wuppertal wieder. Tatsächlich steuert Yohannes sicher einen Laden an, der Batikstoffe aus Solo auf Java anbietet. Hemden, Kleider, Schals, Tischtücher. Ein Hemd aus Seidenbatik ist aber auch hier nicht billig – billiger als in Europa natürlich, aber in jedem Fall die Urlaubskasse stark strapazierend. Baumwolle ist in allen Belangen pflegeleichter.

Wir erreichen den Flughafen von Medan „Polonia" früher als wir müssen, haben Zeit und packen unsere Koffer um. Das Ulos-Problem paart sich mit Mitbringseln aller Art, die jetzt zusätzlich verstaut werden müssen. Eine Flasche Wasser aus Huta Namora muss zurückbleiben. Wir schaffen die Gewichtsvorgabe der Malaysian Air nur durch geschicktes Verteilen zwischen unserem Flug- und Handgepäck. Unsere Gastgeber kommen eine nach der anderen zum Flughafen, wir müssen immer wieder durch die Sicherheitskontrolle, weil noch jemand gekommen ist, der uns gute Wünsche und einen Reisesegen mitgeben möchte: Tigor ist aus Medan gekommen, Diakones Rosmauli Hutahaean, Dr. Hasibuan und Saidi Tambunan mit Anhang aus Balige. Das ist rührend, eine E-Mail ist doch nicht genug.

In einer Stunde sind wir in Malaysia. Fünf Stunden Aufenthalt bis zum Start nach Frankfurt. Wir essen, sehen uns den Flughafen an, lesen. Ich versuche, Eindrücke zu sortieren, erwische mich aber immer wieder dabei, dass ich einfach vor mich hinstarre und in Erinnerungen schwelge. Notizen mache ich nur wenige.

Das bleibt auch auf dem Flug nach Frankfurt so. Obwohl 12 Stunden, verläuft er ereignislos. Und ehe wir es uns versehen, sind wir durch den Zoll hindurch, haben unsere Lieben angerufen und den Zug nach Köln bestiegen. Wieder kein Sitzplatz. Macht nichts.

Wir verabschieden uns von einander in Köln im Hauptbahnhof. Wir werden Fotos und Geschichten tauschen, Nachrichten weiterleiten, den Reisebericht für die Kreissynode vorbereiten. Da gibt es große Pläne, die uns bei einander halten werden. Ich werde den Bus nach Hause nehmen, Almuth und Reinhard werden mit unterschiedlichen Bahnen nach Frechen und nach Liblar rollen. Ich bin allein, habe aber Koffer voller Erinnerungen mitgebracht. Die Dekoration im Bahnhof ist schon auf Herbst und Halloween umgestellt. Große Kürbisse hat jemand dort aufgebaut. Ich will aber Ananas ...

ENDE                       (vielen Dank, dass Sie uns so weit gefolgt sind, über die gesamte Reise.

Für Rückmeldungen und Kommentare würden wir uns sehr freuen! --> reinhard [PUNKT] radloff [AT] gmx [PUNKT] de)