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Mittwoch, 5. Oktober 2011

(von Pfr. Stefan Jansen-Haß, Brühl;  Fotos von S. J-H. und Reinhard Radloff; Zur Vergößerung der Bilder: Bitte auf diese klicken!)

DSC05969Schlag 7.00 Uhr klingelt das Telefon. Pahala Simanjuntak erkundigt sich, wie wir vom Gästehaus nach Pearaja kommen. Hat es über die verschlungenen Kanäle des Partnerschaftsausschusses doch einen Kontakt gegeben? Wenige Minuten später steht sein SUV vor der Tür, wieder ausgestattet mit Wasserflaschen und Snacks. Beim Frühstück kommt Maida kurz herein, um uns zu begrüßen, versichert, alles sei normal und viel Arbeit auf ihrem Schreibtisch. Trotzdem: Sie wirkt angeschlagen. Sie wird sich heute nicht um uns und um die Belange des Partnerschaftsausschusses, sondern um ihre eigentliche Arbeit bei der HKBP kümmern. Pendeta Marudur wird uns deshalb nachmittags begleiten und übersetzen. Damit ist das Geschäftsmäßige geregelt. Reinhard darf mehr. Er ist Ompu (Großvater). So viel ich verstehe, ist jemand Ompu, der eine besondere Würde trägt. Ludwig Nommensen selber war Ompu, aber auch ein Radja, ein Bischof oder ein erfahrener Holzkünstler können Ompu sein. Reinhard nimmt die Diakonisse einen Moment beiseite und kann wirklich etwas sagen, das sie sichtbar tröstet.

Während des Frühstücks bricht wieder der Regen los. Dichte Regenfahnen prasseln auf das Dach, Sturzbäche schießen über die überlasteten Dachrinnen, auf dem gepflasterten Weg steht das Wasser schnell ein paar Zentimeter hoch. Ich unterbreche das Essen, stelle mich unter das Vordach und mache Fotos. Pahalagesellt sich zu mir und teilt mit, das wäre harmlos, in der Regenzeit fiele der Regen viel dichter. Er muss es wissen ...

Es regnet sich ein, und es ist für indonesische Verhältnisse immer noch kühl. Pahala hat sich zu seinem Pullover sogar eine Jacke mitgebracht, außerdem Regenschirme. Das lässt nichts Gutes hoffen, denn der Vormittag gehört den evangelischen Wallfahrtsorten des Bataklandes, dem Kreuz der Liebe und Nommensens erster selbst gegründeter Gemeinde, Huta Dame.

DSC05985Wir durchqueren mit dem Wagen das Silindungtal. Vom Talgrund haben wir an den vergangenen Tagen und Nächten immer wieder das riesige weiße Kreuz gesehen, das über dem Tal errichtet wurde. Heute verschwindet es im Nebelgrau, aber der Weg dorthin ist bestens ausgeschildert. Salib Kasih, das Kreuz der Liebe, ist ein Ausflugsort, ein Ziel für die ganze Familie am Sonntagnachmittag. Auch Muslime reisen hierher und gehen mit Kind und Kegel den gepflasterten Weg zum Aussichtspunkt unterhalb des mächtigen Betonkreuzes hinauf. Aber nicht heute. Im Nieselregen an einem Dienstagvormittag im Oktober sind wir die einzigen, die den weiten Parkplatz anfahren. Ein kleines Dorf von Andenkenläden steht direkt am Parkplatz, alle Läden haben heute noch geschlossen oder werden gar nicht öffnen. Der Weg ist nicht zu verfehlen, man folgt einfach dem befestigten Pfad zum Eingang. Eine weite Fläche links ist wohl als Versammlungsort, vielleicht auch für Gottesdienste gedacht. Gegenüber befindet sich die bewachte Pforte, die von einer mehrere Meter hohen Statue des predigenden Ludwig Nommensen im Gehrock bewacht wird. Einen menschlichen Wächter gibt es auch. Der hat sich aber vor Kälte und Niederschlag in sein Häuschen zurückgezogen. Pahala ruft ihm etwas zu, was ihn offensichtlich zufriedenstellt, denn er bleibt, wo er ist. Wir folgen weiter dem Pflasterweg, der jetzt bergan führt. In Serpentinen geht es durch ein Waldstück hinauf. An den Bäumen sind alle 100 Meter Holztafeln mit den Zehn Geboten angebracht, jeweils in Batak, Indonesisch und Englisch, dazwischen weitere Tafeln mit Versen aus verschiedenen Büchern der Heiligen Schrift. Alle sind Anweisungen zu einem gottgefälligen Leben. Es regnet weiter, wir sind allein auf dem Weg.

DSC05982Hinter einer Biegung sind auf dem Boden hunderte von Votivtafeln abgelegt worden, wie ich es aus katholischen Wallfahrtsorten wie Altötting kenne. „Maria, Heilige Jungfrau, hilf uns!" oder eben auch Danksagungen für Heilungen. Hier haben Menschen in allen Lebenslagen ihre Bitten und Danksagungen in Steinplatten fräsen lassen und hier oben am Salib Kasih abgelegt, mit Name und Datum. Besuche von Gemeindegruppen sind ebenso verewigt wie Hochzeiten und Taufen. Man erzähle mir nichts mehr davon, evangelische Christen hätten keine heiligen Orte, zu denen man wallfahren kann. Hier haben wir einen vor uns: Weihestätte mit Personenkult! Was würde Nommensen selber sagen, wenn er das sähe? Ob er wie Christus mit der Geißel den Tempel reinigen oder milde lächelnd seine Schäfchen lehren würde? Wir gehen die letzten Meter weiter. Links beschäftigt sich ein einsamer Mitarbeiter mit dem Zusammenharken von Laub, er nickt uns zu, lässt sich aber sonst nicht stören. Wir betreten eine freie Fläche. Der Wald ist gerodet, zu unserer Linken erhebt sich das mächtige, sicher 30 Meter hohe, weiß angestrichene Betonkreuz. Rechts zieht sich eine Freiluftkirche mit gefliesten steinernen, in Oval angeordneten Bankreihen wie im Theater absteigend bis zum steilen Rand des Silindungtales hin. Mehrere Hundert Menschen werden hier Platz finden. Ebenfalls aus Stein und mit weißen Fliesen belegt, sind dort ein Altartisch und eine Kanzel aufgebaut. An diesem Ort soll Ludwig Nommensen seine viel zitierte Zukunftsvision erlebt haben: Beim Blick über das grüne Tal mit den einzelnen Dörfern will er in jedem Dorf den Turm einer Kirche gesehen, ja das Glockengeläut bereits in den Ohren gehabt haben. Wäre Nommensen heute hier gewesen, wäre er wahrscheinlich unverrichteter Dinge weitergezogen: Das Tal verschwindet zuerst hinter einer Wand aus Nebel und tiefhängenden Wolken. Dann reißen plötzlich die Wolkenfetzen auseinander, und eine kurze Ahnung von Nommensens Empfinden macht sich doch breit. Im Zentrum des Tales liegt heute das stetig wachsende Städtchen Tarutung, uns gegenüber sind die Zwillingstürme der Kirche von Pearaja zu erkennen. Ich versuche, die Gegenwart um 150 Jahre zurückzudrehen und verstehe, warum der überzeugte Missionar hier seine erste Gemeinde gründete.

DSC05996Wir fotografieren uns gegenseitig auf der Predigtkanzel über dem Tal (mit Schirm und ohne Schirm). Neben dem Altar finden wir eine Bronzetafel eingelassen, die die Unterschrift des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, trägt. Am 27. Juli 2004 wurde die Tafel zum Gedenken an den aus dem Rheinland entsandten Nommensen enthüllt. Warum, steht nicht da ...  Oberhalb der Freiluftkirche befinden sich etliche kleine Häuschen mit nur wenigen Quadratmeter Grundfläche. Darin befindet sich ein Tisch mit mehreren Ausgaben der Bibel in verschiedenen Sprachen. Die Besucherinnen und Besucher des Salib Kasih sind eingeladen, an diesem Ort die Schrift zu lesen und nachzudenken. Die Häuschen sind Rückzugsräume. Ob eines gerade genutzt wird, erkennt man an den davor stehenden Schuhen, denn auch hier zieht man selbstverständlich die Schuhe aus, bevor man den geschlossenen Raum betritt. Häkeldeckchen zieren den Tisch, über dem eine spätromantische Darstellung des seine Schafe weidenden Christus aufgehängt ist. Ein Kunstblumenstrauß steht vor dem Fenster. Eine Dame nutzt offensichtlich die ruhige Zeit und fegt die Häuschen eines nach dem anderen aus. Wir nehmen uns Zeit für ein Vater unser an diesem Ort und reihen uns ein bei den Christinnen und Christen, die hier oben Gottes Wort und Gottes Nähe gesucht und wohl auch gefunden haben.

DSC06010Der Rückweg hinab zum Parkplatz beginnt an einem etliche Meter langen Relief. Im Zentrum segnet der Auferstandene den neben ihm knienden Nommensen. An den Seiten sind Szenen aus dem Alltagsleben der Batak zur Zeit der Missionare dargestellt. Das Pflügen mit einem Wasserbüffelgespann, aber auch Kämpfe der Batakkrieger und okkulte Handlungen der Datu, der Zauberpriester und Krankenheiler. Es geht wieder vorbei an den Votivtafeln zum Eingang mit der Nommensen-Figur. Das Wetter wird ein wenig besser, einen anderen Besucher haben wir aber nicht gesehen. Immerhin hat der Mann am Eingang seine Hütte verlassen und sitzt jetzt schwatzende und rauchend mit einem Kollegen davor. Pfarrer Simanjuntak wechselt wieder einige Worte mit ihm und reicht ihm einige Geldscheine. Entweder kennen die beiden sich oder an so einem lauen Tag darf man das Eintrittsgeld im Nachhinein zahlen. Tatsächlich öffnet gerade einer der Andenkenläden. Ob heute allerdings ein lohnendes Geschäft zu machen ist, bezweifle ich stark.

Wir haben Zeit, noch hinunter zu fahren nach Huta Dame, dem Dorf, das Nommensen selber gegründet hat, um den Titel eines Rajah führen zu können. Wir rollen wieder hinab ins Tal. Am Ortseingang begrüßt uns erneut eine überlebensgroße, diesmal vergoldete Statue Nommensens. Die Bibel in der Hand (warum aber verkehrt herum?), blickt er die Straße hinunter in Richtung Tarutung. Vielleicht sollten wir in unserem Kirchenkreis zum Beispiel eine Bucer-Figur errichten, die sorgenvoll Richtung Düsseldorf schaut. Sie muss ja nicht unbedingt vergoldet sein. Wir steigen aus, Pahala sucht einen Parkplatz. Dass ein Fahrzeug im Dorf abgestellt werden könnte, ist Nommensen bei seiner Gründung natürlich kaum in den Sinn gekommen. Wir laufen den Hauptweg entlang in Richtung der Kirche. Akkurat und schnurgerade nebeneinander stehen die Häuser auf gleich großen Parzellen. Der Nommensen war ein Deutscher, auch wenn die Dänen wie auch die Batak ihn als einen der Ihren für sich reklamieren.

DSC06024Fototermin vor der ganz aus Holz gebauten Kirche. Huta Dame 1933 steht über der Tür. Diese ist also nicht Nommensens Kirche, sondern ein Nachfolgebau. Der Schlüsselmeister der Kirche ist schnell gefunden, und wir dürfen eintreten. Wie die meisten Kirchen, die wir bisher gesehen haben, ist sie gebaut wie eine deutsche Kirche des 19. Jahrhunderts: Einige Stufen führen zu einer zweiflügeligen Pforte. In einem Vorraum hängen Gemeindeinformationen und Plakate an der Wand, die Nommensen-Universität in Medan wirbt auch für ihre Studiengänge, das passt. Ein Gottesdienstraum öffnet sich dahinter. Ein, zwei Gänge führen durch die drei Bankreihen, über uns erheben sich zwei Emporen an den Längsseiten. Hier werden sicherlich 800 Menschen Platz finden. Der Altarbereich ist mit vom Elfenbeinton der Wandfarbe abgehoben. Liturgisches Grün schmücken Altar und Kanzel, die sich über dem Altar befindet. „Dame ma di Mamu" steht in großen Lettern im Tonnengewölbe: „Friede sei mit euch". Die Turmtreppe über dem Eingang geht es hinauf für einen Rundumblick über das Dorf und das Tal. Dass da eine Falltür ist, an der man sich übel den Kopf stoßen kann, hätte man mir aber auch sagen können. Warum steht da kein Schild? Der Nommensen war doch ein Deutscher ...

Gegenüber steht ein wesentlich kleineres Holzgebäude ohne Turm, nur ein Versammlungshaus, mit der Bezeichnung „Garedja Huta Dame II". Das also muss das zweite Gemeindehaus gewesen sein. DSC06022Wo aber sind Nommensens Anfänge im Dorf zu sehen? Pahala ist mittlerweile zu uns gestoßen – er hat das Auto aus Verzweiflung einfach vor die Kirche gestellt - und zeigt uns ein einfache, fensterlose Hütte von etwa 12 qm neben dem prächtigen Kirchbau. Heute steht das wahrscheinlich zwischenzeitlich renovierte Häuschen wie alle anderen Häuser im Dorf auf Pfeilern aus Beton. Ein Vordach schützt eine kleine Veranda, der Eingang, eher Luke als Tür, kann nur über eine Leiter zu erreichen gewesen sein. Die Füchse haben Gruben und die Vögel haben Nester, und hier hat der Apostel der Batak sein erstes festes Dach über dem Kopf gehabt.

Wir bedanken uns beim Schlüsselmeister, der sich als der Sohn des Küsters zu erkennen gegeben hat, und nehmen wieder Kurs auf Pearaja. Wir sind zum Pfarrkonvent eingeladen. Superintendent Silitonga und die Pfarrerschaft des Kirchenkreises treffen sich zur gemeinsamen Predigtvorbereitung. Uns scheint das der passende Zeitpunkt, das Geschenk des Kirchenkreises Köln-Süd zu übergeben. Deshalb lautet die Parole wieder einmal: Nicht zu spät kommen! Der Wunsch nach einem frischen Handtuch muss noch einmal zurückgestellt werden. Vielleicht klappt es ja am Abend?

DSC06057Der Raum im Gebäude des Kirchenkreises Silindung ist gut gefüllt. Mehr als 30 Geistliche haben sich versammelt. Mit Bibel und Schreibpapier haben sie sich an in Hufeisenform aufgestellte Tische gesetzt. An der geöffneten Seite des Hufeisens befindet sich ein einzelner Tisch, dahinter der Superintendent. Alle tragen Hemd und Anzug, wir wieder einmal Jeans und T-Shirt. Wahrscheinlich denken die HKBP-Pfarrer, wir würden auch so auf die Kanzel steigen. Das muss ich irgendwann mal klären. Pfarrerin Marudur Siahaan ist wie versprochen dazugekommen und wird übersetzen. Das ist bei der fortlaufenden Rede der Anwesenden aber kaum zu leisten, also lasse ich die Situation auf mich wirken, ohne etwas zu verstehen. Einer der Pfarrer hat sich vorbereitet, wird vom Praeses zu sich gebeten und hält einen Einführungsvortrag. Das dauert ein Weilchen, die Brüder notieren hier und da etwas. Danach ergreift der Praeses selbst das Wort. Das dauert wieder ein Weilchen. Ein dritter macht eine Bemerkung, das war's. Die gemeinsame Predigtvorbereitung besteht aus drei Monologen, ein Gespräch scheint nicht vorgesehen oder üblich zu sein. Höflich werden wir um ein Statement gebeten. Almuth gibt sich Mühe, man hätte ihr aber sagen sollen, um welche Schriftstelle es eigentlich gehen sollte. Die zum Eingang gelesene war die Meditation des Tages, nicht der Predigttext für Sonntag. Marudur übersetzt und erläutert den Umstand höflich – hinterher!

P1040589Nach der Predigtvorbereitung wird eine kurze Kaffeepause eingeschoben, süßer Kaffee herumgereicht. Der Partnerschaftsausschuss des Kirchenkreises Köln-Süd hat zum 150jährigen Bestehen der HKBP einen Wandbehang gefertigt. Er zeigt einen grünen Baum, auf dessen Stamm das Signet des Jubiläums, die Flamme mit der eingearbeiteten 150, aufgebracht ist. Die Wurzeln gründen im Wort Gottes. Jede Gemeinde des Kirchenkreises war gebeten, einen Apfel zu gestalten. Diese Äpfel wurden dann als Früchte auf die Baumkrone aufgenäht. Almuth für den Kirchenkreis und Reinhard für den Partnerschaftsausschuss falten die breite Stoffbahn auseinander und übergeben den Wandbehang an den Praeses. Applaus der Brüder im Amt. Der Praeses freut sich wirklich und verspricht, einen würdigen Ort zum Aufhängen zu finden. Das dürfen wir ihm glauben, denn an verschiedenen Wänden im Gebäude haben wir Gastgeschenke früherer Partnerschaftsbesuche wiedergesehen.

Der Raum leert sich, um sich sofort wieder zu füllen. Das nächste Treffen für  diesen Tag schließt sich nahtlos an. Die Pfarrer verlassen uns, die Stipendiaten oder ihre Angehörigen strömen in den Raum und nehmen deren Plätze ein. Diesmal sitzen wir vor dem Hufeisen der Tische. Die Stipendien aus dem Kirchenkreis sind eine private Initiative einzelner Spenderinnen und Spender, haben also mit der eigentlichen Partnerschaftsarbeit nichts zu tun. P1040599-2Es geht um Patenschaften. Trotzdem will Reinhard die Gelegenheit nutzen, um den Spendern in Deutschland aus erster Hand berichten zu können, was aus den Patenkindern bis dato geworden ist. Tatsächlich sind fast alle vertreten. Nur wer weit weg wohnt oder krank ist, hat sich entschuldigt, die Studenten an anderen Studienorten haben Eltern oder Verwandte geschickt. Die Patenschaften bekommen Gesichter. Die Anwesenden berichten über Schullaufbahn und Zukunftspläne, über bestandene Prüfungen und neue Ziele.

Das gemeinsame Mittagessen ist ein echtes Indonesian Takeaway. Teller werden verteilt, Frauen öffnen Tüten und reichen jedem ein Packpapierpäckchen, in dem sich Reis befindet. Aus Plastikbehältern wird die Beilage herausgelöffelt, Bananen zum Nachtisch. Fröhliches Schwatzen, einige der Jugendlichen probieren ihr Englisch aus und lassen sich ermutigen, doch einmal selbst, ohne Übersetzerin, Kontakt zur Patenfamilie in Köln-Süd aufzunehmen. E-Mail-Adressen werden ausgetauscht bzw. angekündigt.

P1040601Martogi Sitorus kommt dazu. Ein Blick auf die Uhr zeigt, der anberaumte Termin für die Neuauflage des Partnerschaftstreffens ist schon gekommen. Ein Foto muss aber noch sein. Die Stipendiaten und Vertretenden sortieren sich auf die Treppe, die bisher eingetroffenen Mitglieder des Partnerschaftsausschusses gesellen sich zwanglos dazu.  Martogi entschuldigt sich. Er muss wieder weg, hat seine Rolle beim Stadtfest wohl unterschätzt. Er will uns abends bei der Einweihung der Gemeindebibliothek und der Abschiedsfeier in der Gemeinde Palmarum wiedertreffen. Für Almuth ist ein roter Sarong mit passendem Ulos mitgebracht worden, den sie rasch zwischen den beiden Sitzungen anprobiert. Marudur hilft, den Ulos zierlich über die Schulter zu werfen.  Bei der Sitzung des Partnerschaftsausschusses dirigiert Reinhard massiv, wie er es im Vorgespräch mit uns angekündigt hatte. Er will heute ein tragfähiges Ergebnis erzielen, das er in Köln-Süd diskutieren lassen kann. Immerhin liegt der angefragte Tätigkeitsbericht der Partner im Kirchenkreis Silindung in englischer Sprache vor, den wohl Thomson Sinaga nach seiner Frau Floridas Vorgaben erstellt hat. Das neue Partnerschaftsprojekt, eine Förderung von Schülerinnen, Schülern und Studierenden im Rahmen eines Stipendiatenprogramms auf Ebene des Kirchenkreises, liegt im Entwurf vor. Superintendent Silitonga wird das Papier seinerseits unterzeichnen, in Köln-Süd muss der KSV beraten.

Als geistliche Elemente in der Partnerschaft nehmen wir die Idee aus Silindung auf, in der Adventszeit eine Partnerschaftskerze zu entzünden. Solch eine Kerze soll an alle Predigtstätten im Kirchenkreis Köln-Süd verteilt werden mit Informationen und Gebetsanliegen aus der Partnerschaft. Der Partnerschaftssonntag soll wieder auf einem gemeinsamen Sonntag gefeiert werden, vorgeschlagen ist der Trinitatissonntag, also der 3. Juni 2012. Auch hier sollen im Vorfeld liturgische Elemente und Gebetsanliegen ausgearbeitet und ausgetauscht werden.

Wir haben's geschafft! Immer noch ohne frisches Handtuch, aber mit Ergebnissen in der Tasche, werden wir ins Gästehaus zurückgefahren, um uns für den Abschiedsabend in Palmarum umzuziehen. Das goldene Ansteckkreuz wechselt in das Knopfloch eines anderen Hemdes. Da wieder mit dem Jugendchor gerechnet wird, stecke ich mir die CDs ein, die die Evangelische Jugend in Brühl als Gruß für die Schwestern und Brüder in Indonesien zusammengestellt hat.

DSC06104Wieder in Palmarum werden wir jetzt nicht in die Kirche, sondern hinter die Kirche gebeten. Dort wurde ein prächtiges Gebäude errichtet: Die Bibliothek, von der Martogi Sitorus so viel erzählt hat. Sie soll heute in unserer Anwesenheit eingeweiht und ihrer Bestimmung übergeben werden. Der Kirchenkreis Köln-Süd hat sich an den Büchern und Regalen beteiligt. Ich Erdgeschoss finden wir einen Katalogschrank, der Karteikarten für den Buchbestand aufnehmen soll. Ein Tresen und dahinter Regale und Schränke zeigen, wo Ausleihe und Rückgabe vorgesehen sind. Im ersten Stock befindet sich der eigentliche Bibliotheksraum mit Bücherregalen, Leseecke Toiletten und einer wunderschönen Aussicht über das Tal. Martogi lässt es sich auch vom Superintendenten nicht nehmen, uns und die Honoratioren der Gemeinde nebst Gattin herumzuführen. Um die Gemeinde Palmarum herum liegen Akademien und Fortbildungsstätten. Neben christlicher erbaulicher  und theologischer Literatur will Palmarum auch verstärkt englischsprachige Bücher vorhalten. Beides gäbe es so nicht in der Umgebung. Einige Bände hat die Gemeinde schon angeschafft. Ich entdecke auf einem Einband die vertrauten Gesichter Luthers und Calvins. Ein Lehrbuch über die Reformation auf indonesisch. Natürlich sollen auch indonesische Christinnen und Christen wissen, woher wir kommen.

Nebenan hat der Jugendchor bereits zu singen begonnen, die Gemeinde versammelt sich. Ich habe den Eindruck, die Atmosphäre heute ist wesentlich entspannter als am Abend des Jubiläumstages. Wen wundert's? Der Chor kann heute mehr Teile aus seinem offensichtlich gut einstudierten Programm singen. Die Gemeinde ist sichtlich stolz auf die jungen Leute.

DSC06122Auch mit uns geht man heute lockerer um. Nur gegenüber dem Superintendenten ist auch hier großer Respekt spürbar. Vor dem Altar wird ein Tisch gedeckt. Was wir schon in anderen Kirchengemeinden kennengelernt haben, geschieht auch hier: Aus unsichtbaren Quellen (Wohin mag die Tür im Altarraum führen?) schaffen Frauen Geschirr, weißen Tee, Reis und Spezialitäten heran. Auch ein typisches Gericht der Batak ist dabei, Saksang – was man aber mögen muss! Innereien und Schweineblut sind wohl nicht jedermanns Sache. Die Batak finden es aber großartig. Hier das Rezept für Saksang:

Ingredients for Saksang (according to Devy Pakpahan):
8 shallots, sliced,
4 garlic cloves, sliced,
3 hot red chilies, sliced,
1 teaspoon pepper,
1 tablespoon ground coriander (ketumbar),
a 1-inch piece of fresh ginger, sliced,
2 tablespoons ground andaliman,
3 tablespoons corn oil,
4 slices galangal (langkuas/laos),
8 pounds pork variety meats (liver, heart, tongue,
pancreas, and some meat in about equal amounts,
cut into 1-inch cubes),
4 tablespoons fresh lime juice,
1 tablespoon salt,
4 cups pig's blood, 3 cups of water.

Directions:
In a food processor, blend half the shallots, garlic,
chilies, pepper, coriander, ginger, and andaliman with
¼ cup of the water to form a smooth paste (bumbu).

Heat the oil in a large wok or kettle, add the balance
of the above ingredients with the bumbu and laos, and
stir-fry over moderate heat for 3 minutes, or until
the aroma rises.

In a bowl, mix the meats with the lime juice and salt
and stir into the wok or kettle. Cook the mixture,
covered, for 10 minutes. Add the remaining 2 ¾ cups
water and the blood, mix well, and cook, covered, for
1½ hour, or until the meats are soft and the sauce has
thickened and darkened.

Serve warm with white rice.

Am Vorstandtisch sitzen wir wieder mit Praeses Silitonga nebst Gattin. Ein fröhliches Schwatzen füllt die Kirche.

DSC06117Der Abend neigt sich, der Tisch wird weggeräumt, das Geschirr eingesammelt, der Jugendchor singt noch einmal. Wir werden vor den Altar gebeten. Es stellt sich heraus, dass Martogi Sitorus bei unserem Shoppingabend am Batikstand sehr genau aufgepasst hat, wofür wir uns interessiert haben. Der unvermeidliche Ulos wird uns umgelegt (Fotos), der Superintendent schenkt uns jedem eine von ihm signierte Ausgabe der Festschrift zum 150jährigen Bestehen der HKBP (mehr Fotos). Martogi hat als Gaben der Gemeinde Batikhemden und -tücher erworben. (Gruppenfotos). Wir verteilen die mitgebrachten Fischanstecker des Jugendpfarramtes Köln und meine Bild-CDs (viele Fotos). Die Chormitglieder (sehr viele Fotos) möchten alle einmal nach Deutschland kommen (E-Mail-Adressen), wenn sie den Chorwettbewerb in Jakarta vielleicht gewonnen haben. Wir wiederholen unsere Botschaft: Es ist großartig, wenn Sie Deutsch lernen, aber in der Ökumene ist es viel wichtiger, solides Englisch zu beherrschen. Das Bibliothekskonzept der Gemeinde Palmarum ist vielleicht kein schlechter Ansatzpunkt. Der Superintendent ergreift noch einmal das Wort, bedankt sich für unseren Besuch, entschuldigt sich auf noch einmal für die Missverständnisse. Hoffentlich hat er das auch persönlich zu Maida Siagian gesagt.

Nelson vom Bauamt bringt uns in das Gästehaus zurück, bittet aber den Ingenieur Reinhard noch, mit ihm einen bestimmten Stand in der Stadt aufzusuchen. In den Ständen wird nicht nur verkauft, sondern auch Projekte aus der Region vorgestellt: Landwirtschaftliche Produkte, Anbautechniken, aber auch Tiefbau- und Umweltprojekte werden vorgestellt: Dass es den Sumatra-Tiger, den Sumatra-Elefanten und sogar den Sumatra-Orang noch in versteckten Urwaldzonen auf Sumatra geben soll, habe ich nicht gewusst. Außerdem steht immer noch der Ankauf eines Handtuchs aus. Ich komme mir vor wie Arthur Dent, der ja auch unbedingt ein Handtuch braucht, um "Per Anhalter durch die Galaxis" zu reisen. DSC06123Also nur eine Stippvisite im eigenen Zimmer und hinunter in das Zentrum von Tarutung, wo Nelson mit Frau und beiden Kindern schon auf uns wartet. Er führt uns zu einem Modell eines geplanten Überlaufbeckens, wohl für Wasserableitung während der Regenzeit. Am Modell wird das mit kleinen Schiebern simuliert. Reinhard kann natürlich so spontan kaum etwas dazu sagen. Er gewinnt den Eindruck, Nelson hat sich eigentlich selber schon ein gutes Bild gemacht. Vor dem Zelt werden wir angesprochen. Der Mann gibt sich als Prediger einer Pfingstgemeinde zu erkennen. Nein, Kontakte zur HKBP gäbe es nicht, aber die charismatischen Gemeinden hätten Zulauf, gerasde von jüngeren Menschen, wären aber nicht organisiert. Es reicht eben ein Gemeindehaus, um sich zu versammeln. Das ist ungefähr dasselbe, was wir von  der Schulkoordinatorin Hanna vor wenigen Tagen in Sipoholon gehört hatten, da kommt eine große Herausforderung auf die HKBP zu.

Wir schlendern noch weiter. An einem Stand erwerbe ich eine DVD mit Batak-Pop, was bei uns wohl als Schlager im Volksmusikfestival gehandelt würde. Eine Musikgruppe in traditionellen Gewändern spielt hier und da ein Volksmusikinstrument wie Flöte oder ein zweisaitiges mandolinenähnliches Zupfinstrument, der Rest kommt aus Synthesizern und der Trickkiste der Toningenieure – zum Mitklatschen und Mittanzen gut geeignet. Ich finde das klasse.

Wir kehren zurück. Soll man jetzt noch packen oder lieber morgen ein halbes Stündchen früher aufstehen. Wir werden morgen ja wieder auf große Fahrt gehen....Ich entschließe mich für einen Kompromiss.

Fortsetzung folgt in ca. 14 Tagen !