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Montag,  3. Oktober 2011

(von Pfr. Stefan Jansen-Haß, Brühl;  Fotos von S. J-H. und Reinhard Radloff)

DSC06126Nelson holt uns vor dem Dienst ab. Er trägt schon die Uniform eines Verwaltungsbeamten. Er erklärt uns die Embleme, die ihn als ranghohen Mitarbeiter im Bereich Straßenbau erkennen lassen. Ob wir noch ein paar Minuten warten könnten, dann würde er erst seine Kinder zur Schule fahren. Wir lehnen uns in unseren Stühlen am großen Tisch in der Frühstückshalle noch einmal zurück. Sembiring, unser Schatten von der indonesischen Polizei, ist seit dem Ende der Jubiläumsfeierlichkeit verschwunden. Wir sind keine Staatsgäste mehr, sondern normale Touristen. Kein schlechtes Gefühl!

Die Köchinnen in Pearaja geben sich wirklich Mühe, ihre Dauergäste mit wechselnden Reisgerichten und Fruchtsäften zu verwöhnen. Es herrscht Aufbruchstimmung im Gästehaus der HKBP. Die afrikanischen Bischöfe haben schon vor uns gefrühstückt und warten auf ihren Transfer. Einer wird noch innerhalb Indonesiens weiterreisen, andere werden am Mittag über Kenia nach Kinshasa fliegen. Die ökumenische Familie geht auseinander, nicht ohne sich für die nächste Konferenz oder den nächsten Workshop bei der VEM zu verabreden. Man wird sich dann herzlich begrüßen und vom großartigen Fest in Sipoholon erzählen. „Ich kenne Sie doch vom HKBP-Jubiläum in Indonesien" oder „Weißt Du noch, damals, beim Jubiläumsgottesdienst in Silindung ..."

DSC05767Wir werden zur Morgenandacht in der Kapelle des Kantor Pusat (Landeskirchenamt der HKBP)gebeten. An jedem Morgen versammeln sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vom Kirchenrat bis zur Sekretärin zum Morgengebet. Eine Tafel an der Wand nennt Lieder, Psalm, Lesungs- und Predigttext und den Namen des oder der Predigenden – und, wer morgen dran ist! Matthäus 6 ist angekündigt, das kennen wir ganz gut, deshalb muss nicht übersetzt werden. Die Predigerin fasst für uns aber ihre Predigt in einigen englischen Sätzen zusammen. Es gibt Wichtigeres als irdischen Reichtum. Das ist sicher richtig, aber es ist für jede Predigerin und jeden Prediger schwer, über die Schätze im Himmel zu predigen, wenn die Gehälter, die die HKBP zahlt, den steigenden Lebenshaltungskosten auf Sumatra und in ganz Indonesien hinterherhinken und innerhalb der HKBP über Lohnsteigerungen gestritten wird, die auch zu finanzieren sind. Zur Debatte stehen um 10% erhöhte Bezüge. Auch in der HKBP geht es zuweilen sehr weltlich zu, denn die Mitarbeiter Gottes leben auch vom Brot.

Wir werden nach dem Segen um die übliche Vorstellung gebeten. Wir gewinnen Routine. Almuth gehen die Sätze in indonesischer Sprache flüssig über die Lippen. Auch hier erntet sie freundliche Gesichter. Ja, die Deutschen, die machen sich Gedanken! Nicht nur Asien bei uns, auch wir erfüllen wohl einige Klischees. Diesmal übersetzt Pfarrerin Marudur, die wieder in ihrem üblichen Kostüm in gedecktem Blau erschienen ist. Dafür gibt es in England die Bezeichnung „Career-Wear": Unauffällig und funktional. Den gestrigen Großkampftag hat sie offensichtlich gut überstanden. Vielleicht fällt einfach der Stress von ihr ab, denn für die Delegationen aus Deutschland und Afrika war sie die verantwortliche Person.

DSC05646Reinhard hat im Gottesdienst Generalsekretär Hutahaean entdeckt und spricht ihn an der Tür an. Er ist für das Krankenhaus Balige zuständig, und von ihm stehen wichtige Entscheidungen aus, von denen der Wetzlarer Unterstützungsverein für das Krankenhaus Balige ein weiteres Engagement abhängig macht. Bald sind Wahlen in der HKBP, einige haben bereits ihren Hut in den Ring geworfen, für ein hohes Amt in der Kirchenleitung, vielleicht sogar die Würde des Ephorus, zur Verfügung zu stehen. Wer aber Ephorus (Bischof) werden will, möchte nicht mit dem Ruf gerade getroffener, möglicherweise jedoch unpopulärer Entscheidungen ins Rennen gehen. Die Chancen dürften damit schwinden. Auch hierfür haben die Engländer einen treffenden Ausdruck: „Lame Duck": Unauffällig und nicht funktional. Reinhard gewinnt nicht den Eindruck, dass Herr Hutahaean sofort ans Telefon rennen und Dr. Tihar Hasibuan in Balige unverzüglich über seine Überlegungen unterrichten wird. Dass man hier nicht weiterkommt, ist ein strukturelles Problem, denn das Krankenhaus Balige gehört aus unerfindlichen Gründen nicht in den Bereich der diakonischen Arbeit der HKBP. Dann dürfte wohl alles besser sein, denn dort sitzt mit Nelson Siregar ein kritischer und entscheidungsfreudiger Oberkirchenrat vor. Eben der spricht uns jetzt an, während wir auf das Auto und die Mitfahrenden zu den Sauberes-Wasser-Projekten des Kirchenkreises Köln-Süd warten. Auch er hat die Morgenandacht mitgefeiert und spricht die letzte in Silindung verbliebene Delegation aus Deutschland von sich aus an: Eine herzliche Einladung zum Morgenkaffee bei Familie Siregar. Wir sagen Pdt. Marudur, wo wir zu finden sind, und folgen Oberkirchenrat Siregar nach Hause.

Zum Amt eines Kirchenrates der HKBP gehört eine Dienstwohnung auf dem Gelände der Landeskirche in Pearaja. Gebäude der Landeskirche und des Kirchenkreises Silindung liegen nebeneinander. Silindung ist ein gefragter Kirchenkreis bei den Wahlen – der Weg zur Kirchenleitung ist kurz, und man kennt sich in Pearaja. Nelson Siregar bewohnt ein hübsches eingeschossiges Haus. Die Veranda ist überwuchert von üppigem Grün. Wie üblich stehen etliche Paar Schuhe vor der Tür. Wir stellen unsere dazu. Wir betreten einen großen, langgestreckten Raum mit Linoleumboden, der gleichzeitig Flur, Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Bibliothek ist. Im hinteren Teil des Hauses befinden sich Küche und Bad, je ein separates Zimmer für Kinder und Eltern geht vom Hauptraum ab. Wir nehmen in der Sitzgruppe Platz, Nelsons Frau bringt Kaffee und Süßigkeiten und zieht sich dann an's LapTop zurück.

DSC06015Unsere erste persönliche Begegnung mit einem Mitglied der Kirchenleitung verläuft sehr angenehm. Siregar zeigt sich sehr offen, den deutschen Gästen einen Einblick in seine Sicht auf den Zustand und die mögliche Zukunft der HKBP zu gewähren. Er kritisiert die Festpredigt des Ephorus. Nommensen und die Missionare seien von Dr. Bonar Napitupulu nicht mehr erwähnt worden. Auch die HKBP habe eine Kirchengeschichte, die bearbeitet und aufgearbeitet werden müsste. Ich bin sicher, er denkt auch an die Zeit, als innerhalb der HKBP der Machtkampf in Indonesiens politischer Landschaft ihren Niederschlag fand und Ephorus Nababan einen schweren Stand in seiner eigenen Kirche hatte. Dazu müsse eben auch das Erbe der europäischen Missionare betrachtet werden und die Entwicklung der HKBP aus den 150 Jahren Missionsgeschichte heraus kritisch aufgearbeitet werden. Und ja, er wird sich bei der Wahl um das Amt des Ephorus bewerben.

Der andere Nelson, der Straßenplaner und Mitglied im Partnerschaftsausschuss, kennt sich natürlich mit der Planung von Infrastruktur aus und erzählt uns später etwas über das Telefonsystem auf Sumatra. Alle Telefon- und Internetleitungen liegen oberirdisch. Man darf nicht vergessen, dass nicht selten die Erde bebt oder der Regen während der Regenzeit das Erdreich in Bewegung bringt. Masten stehen überall, und deshalb meistens im Weg. Das Telefonwesen verlagert sich wie auf der ganzen Welt  immer weiter zum drahtlosen Mobiltelefon und den dafür erforderlichen Übertragungsmasten, immer mehr neue Leitungen sind trotzdem erforderlich wegen einer ausgeprägten Liebe der Indonesier zum Telefax und der immer weiter steigenden Nachfrage nach schnellen Zugängen zum Internet. Die neuen Leitungen halten mit der technischen Entwicklung aber kaum Schritt, denn das Mehr an Übertragungsgeschwindigkeit wird von der gleichzeitig steigenden Zahl von Nutzern im selben Internet-Knoten wieder aufgefressen. Also, mehr Leitungen, mehr Masten, und die stehen dann wieder Nelsons Straßensanierungen im Weg.

DSC06106Martogi Sitorus, der Partnerschaftsvorsitzende hat für uns wieder ein Auto mit Fahrer organisiert. Das zweite Auto steuert der Superintendent des Kirchenkreises Silindung, Praeses Silitonga persönlich, seine Frau ist ebenfalls mit von der Partie. Selbstverständlich muss Almuth als Leiterin der Partnerschaftsdelegation von Köln-Süd dort mitfahren. Vom Partnerschaftsausschuss Silindung sind noch Pfarrer Pahala Simanjuntak und die Diakonissen Maida Siagan und Florida Limbong dabei. Die gönnen sich keine Pause nach all der Arbeit mit dem Jubiläum und fahren trotzdem mit uns in die Provinz, weil wir Wassertürme ansehen wollen.   Wenn die Kirchenleitung neu gewählt ist, werden auch die Pfarrerinnen und Pfarrer meist neu auf die Pfarrstellen der HKBP verteilt. Manche bleiben, manche werden an neue Wirkungsstätten eingewiesen. Pahala würde gerne Leiter der Pfarrerausbildung in Sipoholon bleiben, aber sicher ist das nicht. Für die Familien der Pfarrersleute bringt diese Stellenbesetzungspolitik der HKBP nicht selten Probleme mit sich. Pahalas Frau Ria hat einen Arbeitsplatz in Medan, er ist Pfarrer in Sipoholon. Das Ehepaar sieht sich unter der Woche selten. Noch schwieriger wird es, wenn beide Ehepartner im Pfarrdienst sind. Krankenhauspfarrerin Roida Gultom am Krankenhaus Balige lebt mit ihrem zehnjährigen Sohn in Balige, ihr Ehemann ist anderswo eingesetzt.

Die Idee zu den Sauberes-Wasser-Projekten wurde vom Partnerschaftsausschuss Silindung entwickelt. Landflucht gibt es in Indonesien. Gut und weniger gut ausgebildete junge Batak drängen in die Großstädte auf Sumatra, aber auch die Millionenmetropolen Jakarta und Surabaya auf Java. Verbesserungen der Lebensumstände auf dem Land werden wichtig, gerade ein alltägliches Gut wie der direkte Zugang zu sauberem Wasser. Die Anschubfinanzierung für diese Projekte kommt aus dem Kirchenkreis Köln-Süd, die Organisation, Unterhaltung und eventueller Ausbau der Projekte müssen von der Gemeinde vor Ort in die Hand genommen werden. Das Proto-Projekt zu den Sauberes-Wasser-Projekten hatten wir auf dem Gelände der Familie Hutabarat im gleichnamigen Dorf beim utKindergarten Regenbogen gesehen. Wir fahren durch das Silindungtal zu den Projekten Nummer zwei und drei in Sipahutar und Huta Namora. Ein viertes Projekt in einem anderen Dorf im Kirchenkreis ist gerade in Planung.

DSC05804Die ersten Kilometer rollen wir auf dem Trans-Sumatra-Highway, auf dem nicht nur der Personen-, sondern auch der Güterverkehr über die Insel abgewickelt wird. Die Straße ist etwa in derselben Ausbauphase wie die Straße zwischen Köln-Meschenich und Köln-Rondorf, aber in gutem Zustand. Eine durchgehende Asphaltdecke, keine Schlaglöcher. Nelsons Behörde hat hier gute Arbeit geleistet. Nicht nur der PKW-Verkehr nimmt zu, auch Güter werden per LKW über diese wichtige Verkehrsader zu ihren Bestimmungsorten in Nordsumatra transportiert. Wir biegen links ab, weil wir aus dem Tal heraus auf die Höhe müssen. Das saubere Wasser wird in den Dörfern dort oben gebraucht, denn dort ist das Wasser in der Trockenzeit knapp und muss meist mühselig aus dem Tal heraufgetragen werden.

Wieder wird ein Klischee bedient, die letzte halbe Stunde der Fahrt kriechen wir über eine holprige Schlaglochpiste nach Sipahutar. Wir werden erwartet. Wer kann, ist auf den Beinen. Schulkinder auf dem Heimweg bleiben stehen und starren die Europäer an, die den beiden Autos entsteigen. Die Mutigen erklimmen einen kleinen Erdhügel, von dem sie alles genau überblicken können. Der Ortsvorsteher zeigt uns stolz den Wasserturm, der mitten im Dorf auf einer Freifläche aufgestellt ist. Der Wassertank steht auf fünf Meter hohen Betonstelzen und ist unübersehbar feuerwehrrot. Den hätten wir auch selbst gefunden. Mit schwarzen Buchstaben steht an jeder Seite aufgemalt: „Distrik Koln-Sud, Germany." Foto mit mir für den Brühler Gemeindebrief!

DSC05809Wir befinden uns etwa 80 Höhenmeter über dem Niveau der Talsohle. Das Regenwasser fließt an den Hängen ins Tal ab und bewässert dort die Nassreisfelder. Hier oben wird es aber während der Trockenzeit knapp. Der Ortsvorsteher bringt uns zur Zisterne, in der früher das Regenwasser während der Regenzeit  gesammelt wurde. Es wird sofort klar, warum die Partner in Indonesien immer von „Clean-Water-Projects" gesprochen haben. In dieser Zisterne ist nichts clean, und wie das Wasser nach acht Wochen Trockenheit ausgesehen haben dürfte, können wir uns vorstellen. Dann musste also jemand zur Talsohle hinuntersteigen und frisches Wasser ins Dorf tragen. Es wird uns versichert, dass alle sich diese Arbeit geteilt hätten. Wir sind uns aber sicher, dass das an den Frauen des Dorfes hängen geblieben sein dürfte. Eine Bohrung wurde durch die Erdschichten bis zum Grundwasserniveau niedergebracht und ein 1,5 Zoll-Rohr eingezogen. Unter dem Rohr sitzt eine kleine elektrische Pumpe, die das Wasser fördert, sobald im Wasserturm ein Schwimmer unter ein bestimmtes Niveau gesunken ist. Die Förderleistung beträgt sechs Liter Wasser in der Minute. Mit den Geldern aus Köln-Süd wurde die Einrichtung mit Turm, Bohrung, Leitung und Pumpe finanziert. Der Ortsvorsteher berichtet, dass man mit Eigenmitteln die 20 Familien im Dorf an den Wasserturm angeschlossen habe, so dass es jetzt in den meisten Häusern eine eigene Wasserzapfstelle gibt. Ein Fonds für Wartung, Reparatur und Stromkosten wurde gegründet, der Dorfvorsteher verwaltet die Mittel. Das klingt sehr ermutigend. Wenn die Wasserprojekte alle so gut angenommen und erfolgreich weitergeführt werden, können weitere Projekte in anderen Dörfern des Kirchenkreises folgen.

P1040512Der Ortsvorsteher will uns den Weg zeigen, auf dem früher das Wasser ins Dorf getragen werden musste. Er führt uns an den Rand des Dorfes durch Ananasfelder und Kaffeesträucher. Wir passieren ein Haus, in dem gerade große Wäsche gemacht wird. Der Teppich liegt über einige Büsche hin ausgebreitet, Wäschestücke liegen darauf zum Trocknen in der Sonne. Nach einigen Gehminuten erreichen wir einen schmalen Pfad, der unvermittelt steil bergab ins Tal führt. Der Regen hat ihn stark ausgeschwemmt, der Abstieg scheint weder leicht noch ungefährlich, ganz zu schweigen vom Aufstieg mit gefüllten Wasserbehältern. Im Tal sind von hier aus die Reisfelder gut zu erkennen. Pahala springt einige Meter hinab, um uns zu zeigen, wie steil es wird. Noch einmal wird uns klar: Hier haben wir ein gutes Projekt angeschoben.

Wir werden in das Gemeindehaus eingeladen. Ein großer Raum mit einer ebenso großen Matte auf dem Boden. An einer Wand steht ein Bücherschrank mit einem kleinen Fernsehgerät. Eine Tür führt in einen zweiten Raum. Durch diese drücken sich immer wieder Frauen und Kinder. Die Männer setzen sich der Wand entlang auf den Boden. Maida reicht Almuth einen langen Sarong, den sie über ihren eigenen Rock anlegt. Das Auf-dem-Boden-Sitzen wäre für sie sonst nicht schicklich. Maida hat wirklich ein Auge für alles, was organisiert werden muss!

Die Indonesierinnen und Indonesier grinsen. „Wie sitzt ihr denn zu Hause?" werden wir gefragt, als uns nach einer Viertelstunde Schneidersitz die Gelenke schmerzen und wir herumzurutschen beginnen. Der Ortspfarrer hat eine Andacht zum Thema Wasser vorbereitet. Praeses Silitonga nickt zufrieden: Der Kollege ist vorbereitet. Die Lesungen werden verteilt, ein Textblatt mit Psalm und Lesung wird herumgegeben. Nach dem Segen durch den Superintendenten gibt es viele interessierte Fragen über die Kirche in Deutschland, ihre Organisation und natürlich die Finanzen. Das Geld für das Wasserprojekt muss ja auch irgendwo herkommen. Dass unsere Delegation von einem weiblichen Wakil-Praeses, also einer stellvertretenden Superintendentin, angeführt wird, scheint kein Erstaunen mehr auszulösen, obwohl es in der HKBP-Kirche bisher nur eine einzige Frauen als Praeses gibt: Pendeta Debora.

DSC05795Die Frauen haben für alle gekocht. Teller mit weißem Reis werden gereicht, eine Vielzahl kleiner Schüsseln mit unbekannten Gemüsen, Fleisch- und Fischgerichten stehen bereit. Wir probieren alles: Mit der rechten Hand eine Kugel Reis formen, diese in das auf den Teller gelöffelte Gericht tauchen und essen, ohne zu kleckern. Keine Chance, aber wohlschmeckend ist alles. Abgekochtes Wasser aus dem Wasserturm und die frischeste und süßeste Ananas meines Lebens runden die Mahlzeit ab. Die unvermeidlichen Ulosse der Dorfgemeinschaft von Sipahutar nehmen wir gerne mit. Der Kofferraum des Autos des Praeses wird mit gerade geernteten Ananas gefüllt, während einer der Dorfbewohner zum Wassertank hinaufsteigt. Wir sollen noch sehen, wie das Wasser fließt. Der Druckschlauch wird gelöst und das Wasser sprudelt. Foto mit Ulos, Praeses und Nanas.

Huta Namora, das Dorf des dritten Sauberes-Wasser-Prokjektes, liegt auf der anderen Seite des Silindungtales. Der Weg führt uns durch Tarutung hindurch. Wir machen Halt für eine Tasse Kaffee und nutzen die Gelegenheit, die gegenüber liegende katholische Kirche von Tarutung zu besuchen. Eine Ordensschwester mit Schlüssel ist bald gefunden (von Maida natürlich). Kaum sind wir im Gebäude, erscheint auch der Ortspriester, wohl von der Schwester alarmiert. Er gehört zur selben Großfamilie wie Pahala, also Simanjuntak. Die beiden haben sich noch nie getroffen. Die ökumenische Blickrichtung der HKBP geht intensiv nach Europa und Amerika. Hier hat die HKBP Brüder und Schwestern im Glauben vor der eigenen Haustür. Vielleicht ist der Schritt in die innerchristliche Ökumene noch zu groß? Ich erinnere mich an die Tafel im Kindergarten in Hutabarat. Da wurde so unterschieden: Islam, Katolik und Kristen.

DSC05828Die katholische Kirche (der Priester sagt „Kathedrale", es scheint aber keinen Bischof in Tarutung zu geben) ist durchgehend mit Kunst im Batakstil ausgestaltet. Die Kirche selber hat die äußere Gestalt eines Batakhauses, Altar, Tabernakel, Beichtstühle und was sonst zu einer katholischen Kirche gehört, sind passend ausgeführt. Gut gelungene Inkulturation. Über der Eingangstür entdecken wir geschnitzte Bildtafeln mit der Weihnachtsgeschichte und einer Pièta. Gut katholisch.  In Huta Namora ist das Sauberes-Wasser-Projekt gerade fertiggeworden. Hinter einer neu erbauten Kirche steht der Wasserturm auf Stahlfüßen, eine Zapfstelle für die Dorfbewohner ist so angelegt, dass Wasser auch geholt werden kann, wenn das Kirchengelände geschlossen ist. Die Zapfstelle liegt trotzdem ein wenig unglücklich hinter Kaffeesträuchern verborgen. Wasserleitungen innerhalb des Dorfes sind noch nicht verlegt, aber die Bewohner haben hochtrabende Pläne: In Zukunft sollen 60 Familien an ein noch zu erstellendes neues Leitungssystem angeschlossen werden. Dazu dürfte die Menge des geförderten Wassers aber kaum reichen, es müsste rationiert werden. Sinnvoller erscheint ein zweiter Brunnen. Aber hier ist in Huta Namora Vorsicht geboten. Staatliche Stellen haben etwa 100 Meter von der Kirche entfernt eine eigene Bohrung niedergebracht, die aber nur vier Familien versorgen kann, und das Wasser dort sei schlecht. Wasser ist Gottes Gabe, sagen die Leute in Huta Namora. Eine eigene Toilette für das Gemeindezentrum war das erste, was mit dem geförderten Wasser betrieben wurde.

Wir werden in die Kirche gebeten, die von einem zu Wohlstand gekommenen Gemeindeglied (oder lebt die Dame jetzt in Jakarta?) errichtet wurde. Eine Gedenktafel in der Wand erinnert an die Stifterin. Der in einheitliche Batikkleider gewandete Frauenchor singt für uns, verstärkt durch Praeses Silitongas Frau. Es folgen freundliche Dankesreden der Gemeindeältesten auf den Kirchenkreis Köln-Süd und die Partnerschaft, es gibt rote Ulosse für alle und wieder eine Einladung zum Essen in der Kirche. Für uns als Ehrengäste wird vor der Altarstufe ein Tisch aufgestellt und eingedeckt, die Gemeindeglieder sitzen in den Bänken. Wieder werden weißer Reis und Gerichte zum Eintunken herumgereicht. Saksang, ein Gericht aus würzigemem Schweinefleisch und Schweineblut ist wieder dabei, aber auch gegrillter Fisch und Gemüse. Diese Kirche ist nicht nur zum Hören, Singen und Beten, sondern auch zum darin Leben da. Die Gemeinde bewohnt die Kirche. Immer mehr Menschen kommen dazu, Kinder drücken sich zu ihren Familien in die Bänke. Das In-der-Kirche-Leben reicht bis zur Zigarette nach dem Essen! Auch in Huta Namora versammelt sich die gesamte Dorfgemeinschaft vor der Kirche zum Gruppenbild mit Wasserturm, der Praeses in der Mitte, das muss so sein.

P1040549Almuth ist heute befördert worden, zumindest in Maidas Sprachgebrauch: Sie ist jetzt nicht nur Pendeta oder Wakil-Praeses, sondern zusätzlich auch noch „Ibu (Mutter) Almuth". Reinhard war schon immer „Bapak (Vater) Radloff". Vielleicht verbietet die Würde des Vorsitzes im Partnerschaftsausschuss, seinen Vornamen zu verwenden? Der Praeses wird schließlich auch immer mit „Paeses Silitionga" angesprochen, seinen Vornamen habe ich gar nicht mitbekommen. Ich aber bleibe wohl zeitlebens Pendeta Stefan und nichts weiter. Ist das gerecht? Ich glaube, ja.

Der ursprünglich geplante Stopp zum Abendessen in einem Restaurant oberhalb von Tarutung fällt aus. Wir sind gesättigt und müde. Außerdem ist es unterdessen so dunkel geworden, dass die Hauptattraktion des Gartenlokals, eine überlebensgroße Figur vom predigenden Christus im Boot, kaum noch zu erkennen ist. Der Fahrer setzt uns im Gästehaus ab. Wir lassen den Tag mit Maida, Florida, Pahala und einer frischen Ananas aus Sipahutar ausklingen. Ein guter Geist im Gästehaus hat die Frucht geschickt geöffnet und in mundgerechte Stücke zerlegt.

Die Fenster- und Lüftungsöffnungen in den Zimmern sind alle mit Fliegendraht bestückt. Hier im Gemeinschaftsraum ist alles offen, und das Neonlicht zieht alle möglichen Insekten an. Während wir uns die Ananas schmecken lassen, jagen zwei Gekkos an der Decke, die wohl in den Lampen oder unter der Deckenverkleidung wohnen. Die arbeiten jetzt, wir gehen schlafen.

Fortsetzung folgt in ca. 7 Tagen !