Verwaltungsgebäude, Andreaskirchplatz 1 in Brühl-Vochem 02232/15101-0

Seitenansicht des Verwaltungsgebäudes in Brühl-Vochem, Andreaskirchplatz

Freitag, 30.9.2011   

(von Pfr. Stefan Jansen-Haß, Brühl, Fotos von S. J-H. und Reinhard Radloff)

DSC05454Ich habe die Nacht genutzt, um das Reisetagebuch zu schreiben. Nach der Musik vom Band setzt die Musik vom Land ein: Hähne, die den Tag begrüßen. Für 6.30 Uhr haben wir uns mit Tigor zum Frühstück verabredet. Ich muss ihn unbedingt fragen, wie er es möglich machen konnte, uns nun doch mehrere Tage zu begleiten. Almuth ist schon im Vorfeld der Reise um die Morgenandacht im Krankenhaus Balige gebeten worden. Sie wird sie in englischer Sprache halten, das will gut vorbereitet sein. Wir frühstücken Nasi Goreng mit Blick über den See. Auf dem Parkplatz des Hotels treffe ich die Diakonisse Rosmauli Hutahaean aus Balige, die ich schon vom Partnerschaftsbesuch 2007 kenne. Rosmauli wird Almuths Predigt übersetzen. Wir checken aus, das Gepäck wird tagsüber im Kleinbus bleiben, während wir das Krankenhaus besichtigen und mit dem dortigen Partnerschaftsausschuss tagen werden. Auf der Fahrt durch Balige wird jedes Asienklischee bedient: Garküchen am Straßenrand, Mädchen im Damensitz auf dem Sozius eines Mopeds, Frauen fegen die Fliesen ihrer Geschäftsräume bevor sie öffnen, Männer sitzen im Caféhaus. Nur geschieht das hier wirklich, alles ist echt. Echte Menschen im Städtchen Balige auf Nord-Sumatra beginnen wieder einen neuen Tag.

DSC05450Der Kirchsaal des Krankenhauses Balige ist voll von jungen Schwestern in Tracht, Diakonissen und Diakonissenschülerinnen, daneben Ärztinnen und Ärzte und Krankenpfleger. „Lobe den Herren" in indonesischer Sprache aus vielen jungen Kehlen. Pendeta Roida Gultom, die Krankenhauspfarrerin, leitet den Gottesdienst. Es fehlt ihr ein bisschen an Verve, vielleicht ist sie nervös, weil Almuth predigen wird und Rosmauli übersetzt. Wir werden vorne in eine Bank platziert, damit uns alle sehen können. Römer 8, die gequälte Kreatur und die Hoffnung, die aus der Heilstat Christi entspringt. Almuth hat einen Hoffnungstext ausgesucht – für die Situation des Krankenhauses sicher keine schlechte Wahl.

Nach dem Gottesdienst werden eine muslimische Ärztin und ein christlicher Arzt aus dem Krankenhaus verabschiedet, die ihre Zeit dort beendet haben. Sie bedanken sich artig bei Dr. Tihar und den anderen. In Balige bleiben wollen sie aber nicht.

Ich lerne Kris und Junita kennen. Beide studieren am PIDEL (Technikerschule für Informatik), das wir im zweiten Teil unseres Aufent-haltes besuchen wollen, wie Reinhard und Saidi zwischendurch miteinander vereinbart haben. Die beiden Ärzte pendeln zwischen zwei Landkrankenhäusern. Kris stammt aus Jakarta, er ist kein Batak, aber ein überzeugter indonesischer Christ. Er will im besten Sinne Missionsarzt sein und möglichst viele christliche Missionskrankenhäuser kennenlernen, deshalb ist er in Balige. Mit Junita gründet er gerade einen Bibellesekreis unter den Krankenhausangestellten. Später wird uns Dr. Inge, die Leiterin und Gründerin von PIDEL, noch mehr über seinen missionarischen Eifer berichten: Guter Arzt, freundlicher Mensch, beeindruckende Kenntnis der Heiligen Schrift, überzeugter Christ, zuweilen etwas nervig.

DSC05461Sr. Rosmauli führt durch das Krankenhaus. Ein bisschen Wehmut scheint mir dabei zu sein, wenn sie die Situation auf den einzelnen Stationen beschreibt. Die Anlage ist gepflegt, überall sind junge Pflänzchen in den Kübeln und den Beeten gesetzt. Eine Sonderkollekte innerhalb der gesamten HKBP-Kirche für das Krankenhaus Balige zum Jubiläum finanziert den neuen Bautrakt, der gerade gebaut wird, und die neue Zufahrt für den Krankenwagen. Offensichtlich ist für den Garten auch noch ein Anteil übriggeblieben. Der Neubau scheint dringend nötig. Operationssaal, physiotherapeutische Abteilung und Intensivstation sehen nicht so aus, als wenn sie gebrauchsbereit wären, ein mobiles Röntgengerät für Teilkörperaufnahmen muss reichen, das große stationäre Gerät ist irreparabel. Dass hier viel Personal auf wenige Patienten kommt, ist nicht zu übersehen; dass es an Ausstattung mangelt, auch nicht. Rosmauli erklärt, dass die Diakonissen früher im Krankenhaus viel bewirkt haben, nicht nur an Pflege, sondern auch an Seelsorge. Heute wollten die jungen Frauen aber lieber eine Ausbildung zur Krankenschwester machen als die Diakonissenschule zu besuchen: Mehr Verdienst und größere Selbstständigkeit. Die Diakonisse gelobt Treue und Gehorsam und wendet sich dorthin, wohin die Kirchenleitung sie sendet. Rosmauli kann die jungen Frauen verstehen. Indonesien entwickelt sich, und für junge Frauen gibt es zunehmend Alternativen in der Lebensplanung.

DSC05477-1Die Krankenhausküche ist ein Ort voller Leben. Frauen stehen an langen Tischen und putzen Gemüse, zwei mächtige Reiskocher dampfen vor sich hin. Wir besuchen die Verwaltung, ein Labor, das rudimen- täre Untersuchungen leisten kann, ein Blutbild muss aber schon anderswo angefertigt werden. Zuletzt eine in meinen Laienaugen solide ausgestattete Krankenhausapotheke.

Wir möchten die Einrichtungen sehen, die auf Initiative aus Deutschland angelegt wurden, nämlich das Klärbecken und die Müllverbrennungsanlage. Die kontrollierte Verbrennung von Sonderabfällen aus dem Krankenhausbetrieb scheint genutzt zu werden. Nichtsdestotrotz raucht noch ein zusätzliches offenes Feuer auf der kleinen Müllkippe daneben. Die Klärbecken sind nicht gepflegt, der   letzte, der sich damit auskannte, hat den Arbeitsplatz am Krankenhaus verlassen und sein Wissen nicht weitergegeben. Reinhard bittet den jetzt zuständigen Mitarbeiter, den Kanal vor der Regenzeit noch ausheben zu lassen. Ob das etwas bewirkt?

BILD1178Acht neugeborene Kinder liegen in der gynäkologischen Station, zumindest hier treffen wir so etwas wie Leben im Krankenhaus Balige. Hier finden wir auch Moses, den jetzt vierjährigen mehrfach behinderten Waisenjungen für den das Krankenhaus einen Platz suchen müsste. Er ist aber noch immer hier. Nur wo wird in Indonesien solch ein Kind nicht nur verwahrt, sondern auch therapiert? Reinhard plant für uns einen Besuch in Hephata, einem Dorf für behinderte Menschen in der Nähe von Balige, das er von einem früheren Besuch her kennt und noch einmal in Augenschein nehmen will. Vielleicht ist dort ja ein angemessener Ort für Moses?

Wir müssen ein bisschen warten, der unangekündigte Besuch eines früheren Generals  zusammen mit einem potenziellen Großsponsor aus Taiwan wird zuerst bedient. Dr. Tihar ist es sichtlich peinlich, dass er den vereinbarten Termin für ein erstes offizielles Treffen mit uns nicht einhalten kann. Ich finde es eher positiv, dass sich noch andere für das Krankenhaus interessieren und zur Unterstützung bereit sind. Der ehemalige General zeigt auf das historische Foto in der Eingangshalle, das Ärzte, Schwestern und Kinder zeigt. Darauf sei auch er zu sehen, deshalb wolle er sich hier engagieren. Die Delegation verschwindet im Bespre-chungszimmer, die Eskorte des Gastes, drei Uniformierte, ziehen sich vor das Krankenhaus zurück und schwatzen mit den Moped-Rikschah-Fahrern, die in einer Schlange vor dem Krankenhaus warten: Der Taxi-Stand.

DSC05495Wir nutzen die Zeit für einen Besuch auf der anderen Straßenseite. Neben den beiden Kirchen steht die AKPER Balige, die Krankenpflegeschule, die zur Partnerschaft des Krankenhauses mit dem Kirchenkreises Köln-Süd dazu gehört , und das Haus der Diakonissen. Die Pflegeschule besteht aus Wohnheim für die jungen Frauen und Unterrichtsräumen, klar strukturiert wie auch der Ausbildungsgang gut strukturiert ist. Wie Sr. Rosmauli das angedeutet hatte, sieht es in der benachbarten Diakonissenschule Kapernaum anders aus. Üppiger Pflanzenwuchs im Garten, ein lichter Pavillon mit Rattanmöbeln empfängt uns, wie selbstverständlich sind Tische mit Kaffee, Tee und selbstgemachtem Saft und Brötchen gedeckt. Die anwesenden Diakonissen heißen uns wärmstens willkommen. Diese Atmosphäre verlasse ich nur ungern, um hinüber zum ersten Partnerschaftstreffen in das Krankenhaus zu wechseln.

Dr. Tihar Hasibuan empfängt uns jetzt, gemeinsam mit dem Partnerschaftsvorsitzenden, Saidi Tambunan, seinem Sohn Daniel, der beim letzten Partnerschaftsbesuch in Köln-Süd der Delegation angehörte, Diakones Lamria Simajuntak und Diakones Rosmauli Hutahaean, dazu wir drei als Delegation des Kirchenkreises Köln-Süd. Dr. Hasibuan und Saidi Tambunan sind gut vorbereitet und legen schriftliche Berichte vor. Es geht um zu geringe Belegungsrate, zu viel Personal und die Notwendigkeit, die Zertifizierungs-hürden der Regierung durch bessere Qualifizierung zu nehmen. Wir fragen nach der Seelsorge im Krankenhaus. Seit der Krise der HKBP ist das Verhältnis zwischen den Diakonissen und dem Krankenhaus abgekühlt. Früher haben aber gerade die Diakonissen das Beson-dere am Krankenhaus Balige ausgemacht und die Seelsorgekompetenz in das Krankenzimmer mitgebracht. Auf eine neue Problematik werden wir auf- merksam gemacht: Kinder, die durch den frühen Tod der Eltern und fehlende familiäre Bindungen verwaisen, werden weniger. Steigend ist aber die Zahl von Neugeborenen, die von jungen unverheirateten Müttern in Not zur Welt gebracht und in der Obhut des Kranken-hauses zurückgelassen werden.

Die Möglichkeit zum informellen Gespräch bietet sich beim Mittagessen in der Krankenhauskapelle. Wir begegnen Junita und Kris wieder. Kris erzählt mehr von seinem Ruf an Missionskrankenhäuser und der Teilzeittätigkeiten am Krankenhaus Balige und einem anderen Krankenhaus in der Nähe.

DSC05489Almuth möchte nach dem Essen ein paar Minuten ausruhen, Reinhard und Tigor sehen sich noch einmal die Baustelle für die Auffahrt des Krankenwagens an, ich besichtige mit Rosmauli die beiden Kirchen von Balige, die nebeneinander dem Krankenhaus gegenüber liegen. Beide sind Holzgebäude, bezeugen aber die beiden unterschiedlichen Richtungen, in denen die HKBP denkt: Die kleine ältere ist im Batakstil gebaut, die größere erinnert stark an einen Kirchbau europäischen Stils mit spitzem Turm und Langhaus. Sie wurde gebaut, weil die Zahl der Gottesdienstbesucher so stark gestiegen war. Heute finden drei Gottesdienste sonntags statt, davon zwei aufeinander folgende Predigtgottesdienste in der großen Kirche und ein Familien- bzw. Kindergottesdienst in der Batak-Kirche. Rosmauli berichtet von Posaunenchören, die von der Empore aus die Gottesdienste begleiten und von vielen Brautpaaren, die die Kirche für Trauungen nutzen. Tatsächlich erleben wir eine Woche später beim zweiten Besuch in Balige eine Hochzeitsfeier im angrenzenden Saal.

Im Eingangsbereich des Krankenhauses erwartet uns Dr. Irwan Wirya, früher leitender Arzt und Direktor am Krankenhaus Balige und seit seinem Ausscheiden praktischer Arzt in der Stadt. Dr. Irwan lädt uns ins Batak-Museum über dem Toba-See ein. Ein General hat sich hier sein eigenes Denkmal gesetzt und in einem gewagten Museumsbau auf zwei Etagen mit einem Freigelände und einem angeschlossenen Museumsdorf Zeugnisse der Batakkultur zusammengestellt. Die sechs Batakvölker Angkola-, Mandailing-, Toba-, Pakpak-, Simalungun- und Karo-Batak werden mit ihren sechs verschiedenen Bataksprachen vorgestellt. „Alle haben ein eigenes Alphabet und einen eigenen Lautbestand mit eigenen korrespondierenden Schriftzeichen." So steht es im Lexikon. Alltagsgegenstände und Kultgegenstände werden präsentiert, die mächtigen Steinfiguren sind zu sehen. Die Marga, das Familiensystem der Batak und wer wem warum zum Respekt verpflichtet ist und wer wen warum nicht heiraten darf, wird erklärt. Ein eigener Teil der Ausstellung ist den europäischen Missionaren und der christlichen Geschichte der Batak gewidmet. Das Museumsdorf erinnert – wenn so ein Vergleich überhaupt erlaubt ist – an das Freilichtmuseum Kommern, denn das Konzept ist dasselbe. Historische Batakhäuser mit besonders kunstvoll verzierten Giebeln wurden sorgsam abgetragen und hier auf dem Museumsgelände wieder aufgebaut, um die Atmosphäre eines Dorfes nachzu-ahmen. Reinhard weist uns auf ein leeres Areal hin, auf dem bis vor kurzem ein Holzbau gestanden hatte, der allerdings unlängst abgebrannt ist.

P1040435Vor einem der Häuser steht eine Sigalegale-Figur. Der Legende nach geht sie zurück auf einen Fürsten, der den Schmerz über den frühen Tod seines Sohnes durch eine ihm nachgestaltete Figur lindert, die ein Puppenspieler bewegt, den Sohn also ins Leben zurückholt. Der Tanz der Puppe gehört zum Begräbnis- ritus der Batak und dient zur Abwehr des Bösen. Der Puppenspieler lässt die Puppe durch einen Mechanismus mit nur zwei Stöcken zur Musik vom Band tanzen, aber die Puppe kann dem plötzlich daneben tanzenden Reinhard nicht das Wasser reichen. Er erntet Applaus und Zuspruch der umstehenden Indonesier.

Wir verabschieden uns von Dr. Irwan Wirya. Viel Zeit zum Reden war leider nicht. Der Zeitplan ist eng. Im Zentrum steht natürlich der Besuch in Tarutung zum Jubiläumsgottesdienst der HKBP. Dem muss sich alles andere unterordnen. Wir wollen Dr. Irwan und seine Frau bei unserem zweiten Besuch in Balige (eine Woche später) wiedertreffen. Wir fahren weiter zum Altersruhesitz der Diakonissen in Lumban Pisang. Dort wird uns das Auto aus Tarutung in Empfang nehmen.

DSC05556Das neue Domizil außerhalb Baliges wurde gebaut, weil die Diakonissen in der Kirchenkrise um Ephorus Nababan ihre Räume in Balige aufgeben mussten. Über die Krise, die einen tiefen Spalt in der HKBP verursacht hatte, wird nicht viel gesprochen. Entweder ist das das vielsagende asiatische Schweigen oder das Bedürfnis, den mühsam wieder hergestellten Frieden in der HKBP nicht durch Unachtsamkeit zu gefährden. Vielleicht gerät auch langsam in Vergessenheit, wer damals auf wessen Seite stand. Schwester Nuria und Schwester Dameria sind noch vor 50 Jahren in Kaiserswerth ausgebildet und eingesegnet worden. Nuria trägt bis heute die weiße Tracht und spricht fast akzentfreies Deutsch. Die alte Diakonisse Nuria wird von einer jüngeren begleitet, ihre Würde und Autorität ist sofort im ganzen Raum spürbar.  Natürlich werden aufgebrühter süßer Kaffee, frische und gebackene Bananen und Säfte aus für uns exotischen Früchten angeboten. Niemand weiß, wie „Eggfruit" wohl auf Deutsch heißt. Groß wie ein Hühnerei und von einem dunklen Rot schmeckt sie wie – nichts, das ich kenne. Im Garten der Diakonissen steht ein Eggfruit-Baum. Rosmauli führt uns hin und wir ernten einige. Vielleicht halten sie ja bis nach Hause durch.

Zwei hochbeinige Geländewagen fahren vor. Wer in Nord-Sumatra ein Auto hat (und das werden immer mehr), hat ein SUV. Die Infrastruktur hält mit dem steigenden Wohlstand der Bevölkerung nicht Schritt. Die Straßen sind schlecht, Erosionen durch heftige Regenfälle in der Regenzeit reißen immer wieder den Asphalt auf. Wer mobil bleiben will, braucht ein ansatzweise geländegängiges Fahrzeug. Die Firma Toyota hat das Rennen um den Markt gewonnen, denn sie hat schon vor Jahren eine Fertigung in Indonesien aufgebaut. Martogi Sitorus, der Vorsitzende des Partnerschaftsausschusses im Kirchenkreis Silindung und Pahala Simanjuntak, Pfarrer am Pastorenseminar in Sipoholon, sind persönlich gekommen, um uns abzuholen. Sie treiben  uns zur Eile, weil wir in Sipoholon im Ausbildungszentrum der HKBP für Pastoren zum Abendessen erwartet werden. Lehrer-Prediger, sogen. Teacher-Preacher, werden dort für das Pfarramt weitergebildet. Die Männer leben und lernen dort in brüderlicher Gemeinschaft. Für Frauen scheint es kein ähnliches Weiterbildungssystem zu geben, das sie von der „Bijbelvrouw" ins Pfarramt bringen könnte. Sie müssen den rein akademischen Weg beschreiten und zum Beispiel am STT in Siantar studieren. Ausgebildeten Diakonissen stehen aber  Fortbildungsmöglichkeiten an anderen Seminaren offen.

Die Studenten erwarten uns vor dem Speisesaal. Alle sind in blaue Hemden mit dem Wappen des Seminars auf der Brust gekleidet. Wir werden in den Raum an unseren Platz geführt. Runde Tische mit Plastikstühlen, europäisches Besteck und Servietten rahmen die Teller. Die Gastgeber haben sich auf unseren Besuch vorbereitet. Bevor sich die Tür der Küche öffnet, singen die Teacher-Preachers für uns. Im Auto hatte Pahala schon seine Theorie von der Vielfarbigkeit der Kirche in der Welt erklärt: Es gebe drei Sorten von Kirche: Die stille Kirche, die tanzende Kirche und die singende Kirche. Europäisch beeinflusste Kirchen seien eher still, kontemplativ und ernsthaft, afrikanische Kirchen bevorzugten einen körperlichen Ausdruck des Glaubens, eben den Tanz, und die asiatischen Kirchen seien die singende Kirche. Wie war das noch? Orang Batak nyanyi bagus sekali! 

P1040440Ein mächtiger Männerchor erklingt, Pahala dirigiert mit ausladenden Gesten. Die Männer sind so in ihren geistlichen Gesängen zu Hause, dass das wohl gar nicht notwendig gewesen wäre. Nach dem Essen kommen wir im kleinen Andachtsraum des Seminars zur Evening Devotion zusammen. Almut überbringt die Grüße des Kirchenkreises in fast perfektem Indonesisch, was mit Freude aufgenommen wird. Zum Abendgebet sind Thomson Sinaga und seine Frau Florida mit der Diakonisse Maida Siagian gekommen, die ebenfalls dem Partnerschaftsausschuss in Silindung angehören. Weitere geistliche Chorlieder entlassen uns in den Abend. Horas!

Wir werden zum Gästehaus der Bezirksregierung gefahren, wo wir die nächsten Nächte verbringen werden. Tarutung ist voller Gäste für das Jubiläum der HKBP. Die Übernachtungsmöglichkeit verdanken wir wahrscheinlich Martogis Verbindungen. Tigor ist noch immer bei uns. Eigentlich hatte er Pahala Simanjuntak um eine Übernachtungsmöglichkeit bitten wollen. Er ist mit dessen Frau irgendwie verwandt. Aber indonesische Marga-Familienbeziehungen funktionieren anders, als wir jemals verstehen werden. Später sagt er, er habe sich nicht recht zu fragen getraut. So nimmt Reinhard ihn in seinem Zimmer auf.

DSC05568Maida Siagian hat die Zimmer vorher in Augenschein genommen und alles herangeschafft, was sie für den europäischen Gast für notwendig hält: Wasserkocher, Tee und löslichen Ginseng-Kaffee, Mineral-wasser in Plastikflaschen, Obst, Toilettenpapier, einen Verdufter für die Steckdose – ob gegen Gerüche oder gegen Mücken erklärt sich mir nicht.  Das Zimmer der ersten Übernachtung im Hotel am Toba-See war auf westlichen Standard hin eingerichtet mit Dusche und WC. Hier ist es anders, normaler, wie wir gehört haben. Duschen nach unserer Vorstellung gibt es nicht. In einem gefliesten Nebenraum des Zimmers von gut 1,5 qm findet man ein mit kaltem Wasser gefülltes Becken. Daraus gießt man sich Wasser mit einer Kelle über Kopf und Körper und ver- sucht, dabei das Zimmer nicht komplett zu überschwemmen. Ein Abfluss im Boden nimmt das Wasser auf. Ein Toilettengang ist ebenfalls per Kellenspülung abzuschließen.

Wie bestellt bricht genau nach dem Abendgeläut der Kirchenglocken vor unserer Unterkunft Live-Musik aus den Verstärkertürmen des Festivals zum 66. Jubiläum der Stadt Tarutung. An Schlafen ist nicht zu denken. Ich treffe Almuth im Foyer des Gästehauses, die Ähnliches denkt. Wir beschließen, doch noch an diesem Abend  in der Stadt nach dem Rechten zu sehen und gehen die wenigen Schritte hinunter zur für den Verkehr gesperrten Hauptstraße Tarutungs. Eine Zeltstadt ist dort aufgebaut, in denen Projekte zu Landwirtschaft, Straßenbau und Ökologie präsentiert werden. Man kann aber auch Kleidung, Spielzeug und Musikinstrumente kaufen. Vor der Bühne, auf der die Band aufspielt, tanzen nur Jungen! Die Mädchen stehen im Halbkreis um sie herum und bewegen sich möglichst wenig. Verkehrte Welt! In den Reihen um die Marktstände fallen wir Europäer auf wie die bunten Hunde. „Hello Sir, how are you?" Immer wieder. Wo sind denn die vielen Gäste des HKBP-Jubiläums aus Afrika und Europa, wenn man sie braucht? Ich fühle mich sehr fremd.

DSC05646Kurz vor dem Schlafengehen kommt Sembiring. Leider spricht er kaum englisch, so dass wir zuerst nicht verstehen, was er möchte. Sembiring zeigt uns eine Plastikkarte, auf der sein Foto in Uniform eingeprägt ist. Er sei Polizist und unser Guard, verstehe ich nach einer Weile ziemlich hilfloser Kommunikationsver-suche. Was soll das jetzt? Wir sind misstrauisch. Wir rufen Saidi in Balige an. „Saidi, da ist ein Polizist!" „Natürlich ist da ein Polizist." „Können Sie dem sagen, dass wir ihn nicht brauchen?" Ich reiche mein Tele-fon an Sembiring. Saidi und Sembiring unterhalten sich ein paar Minuten. Ich bekomme das Telefon wieder in die Hand. „Sembiring ist ein Polizist und Ihr Guard." Soweit waren wir schon. Saidi ist keine Hilfe. Also mache ich Reinhard wach. Das könne durchaus sein, dass ein Polizist für uns abge- stellt worden sei. Wir versuchen, mit Sembiring zu diskutieren. Am nächsten Morgen teilt uns Reinhard grinsend mit, dass er unsere Versuche im Halbschlaf mitbekommen und gleich gewusst habe: Den loszuwerden, das schaffen die nie! Es stellt sich heraus, dass die Polizei wegen des jüngsten Anschlags in Solo auf Java nervös geworden ist und nichts dem Zufall überlassen will. Pendeta Marudur, die Koordinatorin für die Partnerschaftsarbeit, hat das organisiert und vergessen uns zu sagen: Übrigens, abends kommt ein Polizist, und der ist Ihr Guard. Sembiring hat auch noch einen Kollegen dabei, mit dem er sich nachts abwechseln wird. Mit uns im Haus wohnen noch weitere 20 Polizisten in der Unterkunft, die die Veranstaltung zum HKBP-Jubiläum begleiten werden. Die bewachen sich aber selbst und haben keine Schutztruppe. Der offensichtlich unvermeidliche Sembiring und sein namenloser Kollege ziehen sich vor den Fernseher zurück. Almuth dichtet nun wohlbehütet eine Präsentation für das morgige Treffen der Partnerschaftsdelegationen aus aller Welt im Kantor Pusat der HKBP in Pearaja, dem HKBP-Hauptquartier (Landeskirchenamt).

Dieses Tagebuch wird fortgesetzt in ca. 7 Tagen.

Tageslosung 17.01.2018
Sie sollen mein Eigentum sein, und ich will mich ihrer erbarmen, wie ein Mann sich seines Sohnes erbarmt, der ihm dient.

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